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Medizin und Gesundheit | Artikel Aktueller Artikel

„Zentraler Akteur bleibt der menschliche Chirurg“

Kürzere Krankenhausaufenthalte, kleinere Schnitte, weniger Belastung – die Chirurgie ist ein sich stetig weiterentwickelndes Feld. Vor allem Innovationen im Bereich Robotik stehen im Mittelpunkt. Dennoch, so Prof. Dr. Uwe Pohlen, Chefarzt der Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie und des zertifizierten Kompetenzzentrums für minimal-invasive Chirurgie am Ortenau Klinikum in Offenburg, wird es auch in Zukunft keine vollautomatisierten Operationen geben. Warum dies so ist, und wie Patienten und Ärzte dennoch vom kontinuierlichen Fortschritt profitieren, erklärt der Facharzt für Chirurgie und Viszeralchirurgie im nachfolgenden Interview.

„Ein minimal-invasiver Eingriff bedeutet eine wesentlich geringere körperliche Belastung im nachhinein, da die Wunden kleiner sind“ Prof. Dr. Uwe Pohlen. Bild: © Master Video – Fotolia.com

Focus-Auszeichnung: TOP Regionales Krankenhaus 2019

Fokus-Auszeichnung: TOP Nationales Krankenhaus, Darmkrebs

Prof. Dr. Uwe Pohlen

Dr. Bernhard Hügel

Die Chirurgie hat in den vergangenen Jahrzehnten beachtliche Fortschritte gemacht. In welchem Bereich gibt es aus Ihrer Sicht die bemerkenswertesten Entwicklungen?

Der Blick nach Holland und Skandinavien zeigt, dass die dortige Krankenhauslandschaft eine andere ist. Die vorherrschende Bildung von großen Zentren führt dazu, dass die entsprechenden Experten mehr Erfahrung und Wissen sammeln können, durch eine höhere Anzahl an zu operierenden Patienten. Zudem greifen sie auf eine umfassende und spezialisierte Ausstattung zurück. Die Zentrumsbildung ist ein Fakt, der in vielen europäischen Ländern schon abgeschlossen ist. In Deutschland sehe ich in diesem Bereich noch Nachholbedarf, denn die Chirurgie wird sich weiter differenzieren und auf einige Experten zugeschnitten sein, um höchste Sicherheit für Patienten garantieren zu können.

Wie stark ist ein moderner OP-Saal schon heute automatisiert?

In Teilen wird bereits auf Roboter-Systeme zugegriffen. Das heißt natürlich nicht, dass Patienten von Robotern operiert werden, sondern der Roboter dient den Ärzten als zusätzliches unterstützendes Werkzeug. Zudem ist es heute möglich, digitale Befunde des Patienten im Operationssaal zu sichten. Direkt am Monitor, während der Operation, kann der Chirurg beispielsweise auf zuvor erstellte CT-Bilder zugreifen.

Welche Vorteile bieten sich auf Seiten der Operateure durch Robotik?

Für den Chirurgen ist der große Vorteil, dass ein Roboter alle Ebenen des Raums sichtbar machen kann. Dies bedeutet, wir operieren mit dem Robotersystem dreidimensional. Zudem bieten die Kamerasysteme eine bis zu zehnfache optische und zwanzigfache digitale Vergrößerung. Auch sind die mechanischen Freiheitsgrade der Roboter-Instrumente denen bei minimalinvasiven handgeführten Operationen („herkömmliche“ Schlüssellochchirurgie) deutlich überlegen. Das Gelenk der Instrumente bei minimal-invasiven Operationen bietet nur zwei Freiheitsgrade, das des Roboters ist in allen Richtungen beweglich und sogar flexibler als die Hand des Chirurgen. Ab dem Jahr 2019 können wir auch bei minimal-invasiven Operationen auf ein neu angeschafftes 3D Kamerasystem und 3D Darstellungssystem zurückgreifen, die beispielsweise das Nähen während der Operation deutlich vereinfachen.

Die Zahl der minimal-invasiven Operationen nimmt in den letzten Jahren deutlich zu – was bedeutet das für Chirurgen und Patienten?

Für Chirurgen bedeutet diese Technik eine deutlich längere Lernkurve als bei offenen Operationstechniken. Junge Ärzte müssen sich in speziellen Zentren ausbilden lassen, in denen möglichst viele Operationen in diesem Bereich durchgeführt werden. Aus Patientensicht sind verringerte Schmerzen nach dem Eingriff und der deutlich kürzere Krankenhausaufenthalt wohl der wichtigste Aspekt. Ein minimal-invasiver Eingriff bedeutet eine wesentlich geringere körperliche Belastung im nachhinein, da die Wunden kleiner sind. In meinem Bereich, der Darmchirurgie, kommt hinzu, dass diese gemeinhin als „schmutzige Chirurgie“ bezeichnet wird, da der menschliche Darm bis zu fünf Kilogramm Bakterien beheimatet. Bei einer Operation gilt daher: Je größer der mögliche Zugang ist, desto großflächiger ist auch eine mögliche Infektion.

Können Sie bereits Prognosen für die Weiterentwicklung der Chirurgie geben – werden Operationen in Zukunft vollautomatisiert vorgenommen werden?

Diesen Aspekt kann ich ganz klar verneinen. Eine vollautomatisierte Operation ist nach heutigem Wissensstand unvorstellbar und auszuschließen. Zentraler Akteur bleibt der menschliche Chirurg, der stets überwacht und eingreift. Die größte Schwierigkeit einer automatisierten Operation ist die Bewegung. Der menschliche Darm ist in ständiger Bewegung, ein zuvor lokalisierter Medizin und Gesundheit Tumor könnte in der darauffolgenden Sekunde seine Position verändert haben. Für einen Roboter wäre dies nicht erkennbar. Dennoch sind die Möglichkeiten der Weiterentwicklung besonders im digitalen Bereich sehr vielfältig. Die Vernetzung von Kliniken über weite Entfernungen wird zukünftig zunehmen. Vorstellbar wäre auch das Operieren über weite Entfernungen hinweg, doch aktuell sind die Übertragungsgeschwindigkeiten noch wesentlich zu gering.

 

 

 

 

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Allgemein-, Viszeral- und Gefächirurgie
Prof. Dr. Uwe Pohlen
Dr. Bernhard Hügel
Ebertplatz 12
77654 Offenburg
Tel. 0781 472-2001
E-Mail: allgemeinchirurgie.og@ortenau-klinikum.de 

Patientenzeitschrift Heft 17

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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