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Medizin und Gesundheit | Artikel Aktueller Artikel

Palliativmedizin: Wege erarbeiten, die in der "normalen" Medizin nicht gegangen werden

Die Medizintechnik entwickelt sich unaufhörlich weiter, Fortschritte in allen Bereichen der Heilkunst lassen Patienten genesen, für die es früher keine Hoffnung gab. Und dennoch: Manchmal ist es nicht mehr möglich, eine Krankheit weiter zu therapieren. In diesen Fällen hilft Palliativmedizin dabei, die Lebensqualität der Betroffenen soweit wie möglich aufrecht zu erhalten. Wie das bewerkstelligt werden kann, berichtet Dr. Michael Rost, Leiter der Abteilung Innere Medizin und Palliativmedizin am Ortenau Klinikum Achern-Oberkirch.

Palliativmedizin © Rido – Fotolia.com

Dr. Michael Rost

Wann wurde die palliativmedizinische Abteilung in Oberkirch eingerichtet?

Eingerichtet wurde die Abteilung im Frühjahr 2015. Es wurden drei Zimmer umgewidmet, die zu zwei Patientenzimmern und einen Aufenthalts- und Gesprächsraum umgebaut worden sind. Sie wurden mit wohnlicher Möblierung ausgestattet und die Wände von einem Künstler in ruhigen Farben mit ansprechenden Motiven gestaltet.

Wie viele Ärzte und Pflegekräfte stehen dort zur Verfügung? Sind die Pflegekräfte speziell geschult?

Da die Palliativmedizin mir von Anfang an sehr wichtig war, war das Bewusstsein für die Anliegen von unheilbar Schwerstkranken und Sterbenden schon vorher hoch. Daher sind alle Ärzte und Pflegekräfte da sehr „nah dabei“. Ich habe die Spezialausbildung 2008 abgeschlossen, und in diesem Jahr ist der Oberarzt Dr. Dehmer gerade dabei, seine Ausbildung abzuschließen. Weiterhin verfügen wir über ca. zehn Personen aus dem Krankenpflegepersonal, die sich in Palliativpflege weitergebildet oder Erfahrung von größeren Palliativstationen haben. Unsere Physiotherapeutinnen haben mehrjährige Erfahrung von der Palliativstation in Lahr bzw. eine spezielle Schulung absolviert.

Wer außer dem klinikeigenen Personal kümmert sich dort noch um die Erkrankten?

Wir pflegen eine enge Zusammenarbeit mit den Logopädie- und Ergotherapie-Praxen in Oberkirch und Umgebung. Für psychiatrische Fragestellungen arbeiten wir mit einem ortsansässigen Psychiater zusammen. Außerdem sind wir eng vernetzt mit unseren Kliniken in Offenburg und Achern, speziell der Onkologie, der Pneumologie und Lungenchirurgie sowie der Urologie und der Strahlentherapie sowie der Geriatrie.

Könnten Sie bitte ein Beispiel nennen für die auf der Webseite genannte „kreative“ symptomorientierte Therapie?

Ich gebe zu, der Ausdruck „kreativ“ ist vielleicht etwas sehr „literarisch“. Es bedeutet, dass wir uns – wie allgemein in der Palliativmedizin üblich - bei der Therapie von Beschwerden oft Wege ausdenken müssen, die in der „normalen“ Medizin nicht gegangen werden, weil eben die Symptombehandlung im Vordergrund steht. Wir setzen uns regelmäßig zusammen, und jeder steuert völlig gleichberechtigt Ideen bei, was dann manchmal zu überraschenden Lösungen führt. Es gehört auch dazu, eine Krankengeschichte aus allen Richtungen aufzuarbeiten, und dann konnten wir gelegentlich erleben, dass Patienten, die „zum Sterben“ aufgenommen wurden, nochmal einige Tage oder Wochen ein würdevolles und erfülltes Leben leben konnten. Ein Beispiel ist die Behandlung eines schwerlungenkranken Patienten, der nach mehreren Aufenthalten in anderen Kliniken als Palliativpatient zu uns verlegt wurde. Alle heute üblichen Antibiotika schlugen nicht mehr an, er hatte immer wieder schwere Lungenentzündungen. Wir haben dann ein altes, heute kaum noch eingesetztes Antibiotikum gegeben, was wirksam war. Außerdem hatten wir veranlasst, dass die Inhalationsgeräte bei ihm zu Hause überprüft wurden, und es stellte sich heraus, dass sie völlig mit Bakterien- und Pilzrasen überwuchert waren, was dann letztlich die Ursache seiner wiederholten Verschlechterungen war.

Welche seelsorgerischen Angebote gibt es genau?

Selbstverständlich sind die Geistlichen aller Konfessionen eingebunden. Dann haben wir neben dem Besuchsdienst der beiden Kirchen eine komplett in das Team eingebundene ehrenamtliche Seelsorgerin aus der Pfarrgemeinde, die an allen Sitzungen teilnimmt und deren Arbeit von unschätzbarem Wert ist. Sie ist nicht nur Ansprechpartnerin für die Patienten, spricht, hört zu, ist einfach da, bringt Zeit und Geduld und Verständnis mit, sondern sie gibt uns auch aus diesen Kontakten vieles Wichtige weiter, was wir sonst kaum erfahren würden.

Wie werden Angehörige einbezogen und unterstützt?

Nach der WHO-Definition bedeutet Palliativmedizin die Arbeit mit Patienten UND Angehörigen. Die Arbeit mit den Angehörigen ist nach unserer Erfahrung manchmal fast intensiver als die mit den Patienten selbst. Es werden viele und ausführliche Gespräche mit ihnen geführt, sie werden teilweise auch zu unseren Fallkonferenzen dazu gebeten. Unsere Bereichsleitungen leisten hier die soziale Arbeit. Sie haben enge Kontakte mit Pflegediensten, Heimen und Hospizen, und sie haben Kenntnisse im Sozialrecht, vor allem aber auch die Qualifikation in der Krankenpflege und können daher sehr gut beurteilen, welche der sich bietenden Möglichkeiten für den jeweiligen Patienten die beste ist. Konkret beinhaltet die Unterstützung die Hilfe bei der Beantragung von Pflegezubehör und Pflegeleistungen, wenn die Patienten wieder nach Hause können, oder in der Vermittlung von Heimplätzen oder Hospizplätzen. Weiterhin benötigen viele Angehörige oft auch psychologische Hilfe und Gespräche, wir müssen ihnen bei Gefühlen wie Schuld, schlechtem Gewissen oder Versagensgefühlen ein Stütze sein.

Was bedeutet für Sie „offener Umgang mit Sterben und Tod“?

Wir sprechen offen an, dass jetzt die letzte Lebensphase begonnen hat und dass nur noch wenige Tage oder Wochen Zeit ist, vielleicht auch noch wichtige Dinge zu regeln. Unser Ziel ist es, für die Patienten und ihre Familien die verbleibende Zeit so positiv wie möglich zu gestalten bzw. die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Und dies wird auch so kommuniziert.

 

Ihre Fachklinik vor Ort

Innere Medizin und Palliativmedizin
Standort Oberkirch
Dr. Michael Rost
Franz-Schubert-Straße 15
77704 Oberkirch
Tel. 07802 801-111
E-Mail: innere.obk@ortenau-klinikum.de 

Patientenzeitschrift Heft 17

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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