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Palliativmedizin: „Den Menschen in seinen Wünschen und Bedürfnissen erfassen“

Trotz unheilbarer Krankheit Lebensqualität erhalten – das ist Ziel der Palliativmedizin. In die Versorgung der Krebspatienten am Onkologischen Zentrum Ortenau (OZO) sind gleich zwei Palliativstationen in Offenburg und Lahr eingebunden. Als eines von erst 20 Zentren in Deutschland entspricht es den Vorgaben der größten europäischen Krebsgesellschaft ESMO und wurde als „Integriertes Zentrum für Onkologie und Palliativmedizin“ ausgezeichnet. Was das bedeutet und welche besonderen Aufgaben sein Team im Alltag bewältigt, berichtet Dr. Jochen Rentschler, Ärztlicher Leiter der Palliativstation Offenburg und Leitender Oberarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Ortenau Klinikum in Offenburg.

Trotz unheilbarer Krankheit Lebensqualität erhalten – das ist Ziel der Palliativmedizin.

Dr. Jochen Rentschler, Ärztlicher Leiter der Palliativstation Offenburg und Leitender Oberarzt der Klinik für Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin am Ortenau Klinikum in Offenburg

Dr. Angela Nieder

Herr Dr. Rentschler, wer wird auf einer Palliativstation versorgt?

Auf einer Palliativstation werden Patienten mit einer unheilbaren Erkrankung behandelt. Hier ist ein ganzheitlicher Ansatz gefragt, denn die Symptome können auf unterschiedlichen Ebenen auftreten. Es gibt verschiedene Studien, die zeigen, dass der frühe Kontakt zur Palliativmedizin Lebensqualität erhöht und Symptomlast vermindert, auch wenn anfangs noch keine störenden körperlichen Symptome empfunden werden.

Eine Palliativstation beinhaltet ganz besondere Anforderungen an die Mitarbeiter. Wie setzt sich Ihr Team zusammen?

Fast die Hälfte unserer Schwestern sind Spezialistinnen im Bereich der palliativen Pflege. Außerdem haben wir eine kontinuierliche ärztliche Anwesenheit und natürlich auch eine ärztliche Leitung, die palliativmedizinisch weitergebildet ist. Pflegeschlüssel und Ärzteschlüssel liegen über dem der Normalstationen. Zum Behandlungsteam gehören verschiedene therapeutische Berufsgruppen, zum Beispiel Psychologen, Seelsorger, Krankengymnasten, Physiotherapeuten, Schmerztherapeuten, Ernährungsberater oder Musiktherapeuten als absolut gleichwertige Partner.

Die Palliativstationen in Offenburg und Lahr gehören zum OZO. Welche Vorteile ergeben sich hieraus?

Wir haben als Palliativstationen vor Ort eigenständige Strukturen, sind aber Teil eines gemeinsamen Onkologischen Zentrums. Die Vorteile liegen im Zusammenwirken und im Austausch, was beispielsweise in der Erstellung gemeinsamer Standards mündet. Ein weiterer wesentlicher Pluspunkt ist die Koordination der ambulanten Versorgung. Seit etwa 20 Jahren gibt es die sogenannte Brückenpflege, ein Konzept, das in dieser Ausprägung nur in Baden-Württemberg existiert. In unserem Fall sind es Onkologie-Fachpflegekräfte, die Patienten in komplexen Fragestellungen sowohl in der Klinik als auch zu Hause begleiten und beraten. Das Brückenpflegeteam bildet auch die Basis des SAPV-Teams Ortenau für spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV). Das Team gewährleistet, dass jeder SAPV-Patient im Ortenaukreis zu jeder Zeit, 24 Stunden am Tag einen Ansprechpartner hat, der bei Krisen ambulant intervenieren kann.

Das OZO erhielt letztes Jahr die ESMO-Zertifizierung „Designated Center of Integrated Oncology and Palliative Care“. Was genau wird hierdurch ausgezeichnet?

ESMO ist die European Society for Medical Oncology, die größte europäische Krebsgesellschaft. Sie möchte eine enge Verzahnung von Palliativmedizin und Onkologie fördern. Palliativmedizin betreut zwar nicht nur onkologische Patienten, dennoch sind aktuell mehr als 90 Prozent aller Palliativ-Patienten tumorerkrankt. Letztlich zeichnet ESMO Zentren aus, die optimale Strukturen geschaffen haben, um Onkologie und Palliativmedizin zu verbinden. Die Forderungen sind sehr umfassend und berühren palliativmedizinische Angebote vom Beginn einer onkologischen Erkrankung bis über den Tod des Patienten hinaus. Wichtig ist, inwiefern Palliative Care den Alltag einer Einrichtung wirklich durchdringt.

Welche besonderen Leistungen können Patienten von einem ESMO-zertifizierten Zentrum wie dem OZO erwarten?

Es wird eine Infrastruktur bereitgehalten, die es jedem Patienten ermöglicht, zu jedem Bedarfszeitpunkt qualifizierte palliativmedizinische Behandlung oder Beratung zu erfahren; ganz früh in seiner Erkrankung genauso wie in den letzten Tagen vor demTod – ambulant wie stationär, körperlich, in psychosozialen Fragen genauso wie in spirituellen Zusammenhängen.

Was ist Ihnen und Ihrem Team bei der Behandlung Ihrer Patienten und im Umgang mit Angehörigen besonders wichtig?

Statt unsere eigenen Vorstellungen und Werte auf den Patienten zu übertragen, versuchen wir, einen Eindruck von dem zu gewinnen, was für den Einzelnen in seiner Individualität und Autonomie wichtig ist und ihn darin zu unterstützen. Als Therapeut wie auch generell als beratender Mensch neigt man manchmal dazu, eigene Ziele und das, was einem selbst erstrebenswert erscheint, auf den Patienten zu übertragen. Unser Ansatz ist hingegen, den Menschen in seinen Wünschen und Bedürfnissen zu erfassen und diese nach Möglichkeit zu realisieren. Dabei passieren immer wieder schöne Dinge, z.B. wenn lange abgerissene Gesprächsfäden innerhalb von Familien und Freunden wieder aufgenommen werden. Es ist aber immer der Patient, der Richtung und Tempo vorgibt. Die Angehörigen stehen explizit mit im Fokus der Palliativbehandlung, was sich nicht zuletzt darin ausdrückt, dass wir auch nach dem Tod des Patienten für sie zur Verfügung stehen, manchmal auch über längere Zeiträume. Ein sehr schönes Zeichen hierfür ist beispielsweise unser halbjährlicher Gottesdienst zum Gedenken für die Verstorbenen der Palliativstation, zu dem viele Angehörige auch nach Jahren noch kommen.

„Die führende professionelle Organisation für Medizinische Onkologie in Europa“

Nicola Jane Latino vom International Affairs Department der European Society for Medical Onkology (ESMO) stellt die Organisation vor: ESMO ist die führende  professionelle Organisation für Medizinische Onkologie in Europa. Wir sind die Referenz-Gesellschaft für Ausbildung und Information im Bereich Onkologie und bestehen aus mehr als 15.000 Onkologie-Fachleuten aus mehr als 130 Ländern. Im Jahr 2003 wurde das Programm zur Auszeichnung von Integrierten Zentren für Onkologie und Palliativmedizin angestoßen. Krebs-Zentren können sich hierbei bewerben, um eine spezielle Würdigung für ihre hohen Standards bei der Integration der medizinischen Onkologie und Palliativmedizin zu erhalten. ESMO ist sehr erfreut darüber, dass 2016 auch das Onkologische Zentrum Ortenau akkreditiert wurde und somit der wachsenden Gemeinschaft von weltweit 200 designierten Zentren beitrat.


Ihre Fachklinik vor Ort

Palliativstation des Ortenau Klinikums Offenburg-Gegenbach

Standort Offenburg St. Josefsklinik
Dr. Jochen Rentschler
Weingartenstraße 70
77654 Offenburg
Tel. 0781 472-6100
E-Mail: jochen.rentschler(at)og.ortenau-klinikum.de

Palliativstation des Ortenau Klinikums Lahr-Ettenheim

Standort Lahr
Dr. Angela Nieder
Klostenstraße 19
77933 Lahr
Tel. 07821 93-0
E-Mail: angela.nieder(at)le.ortenau-klinikum.de

Patientenzeitschrift Heft 13

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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