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Morbus Parkinson – Unspezifische Symptome im Frühstadium

Fast unbemerkt haben sich kleine Veränderungen in den Alltag von Josef Günther* eingeschlichen. Er fühlt sich müde, leidet unter Schlafstörungen, Verstopfung und innerer Unruhe. Erst in der Neurologie des Ortenau Klinikums Offenburg-Kehl können die Symptome richtig gedeutet werden. Sofort leiten Chefarzt Priv.-Doz. Dr. Vincent Ries und sein Team die notwendige Behandlung ein.

Das Elektroenzephalogramm (EEG) kann helfen, eine Parkinson-Erkrankung zu diagnostizieren. © Viacheslav Iakobchuk – Fotolia.com

Priv.-Doz. Dr. Vincent Ries

Bei Morbus Parkinson denken wir an Muskelsteifheit, Zittern und eine Verlangsamung der Bewegungen. „Im frühen Stadium sind die Anzeichen aber oftmals weit weniger charakteristisch“, klärt Priv.-Doz. Dr. Ries auf. So auch im Fall von Josef Günther. „Bei anderen Patienten wiederum können die Beeinträchtigungen an eine rheumatische Erkrankung erinnern. Sie leiden zum Beispiel unter einseitigen Muskelverspannungen in der Schulterregion“, so der Chefarzt der Neurologie, der vor seiner Tätigkeit am Ortenau Klinikum unter anderem die Spezialambulanz für Parkinsonsyndrome und Dystonien am Universitätsklinikum in Marburg leitete.

Zahl der Patienten könnte sich weltweit bis 2030 verdoppeln

„Die Parkinson-Krankheit ist weit verbreitet und nach der Alzheimer-Demenz die häufigste fortschreitende Erkrankung des zentralen Nervensystems im höheren Lebensalter“, weiß der Mediziner. „Etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung über 65 Jahren sind betroffen.“ Aufgrund der demographischen Entwicklung könne sich die Zahl der Patienten bis 2030 weltweit nahezu verdoppeln.

Die Ursache der Krankheit ist bis heute unbekannt. „Eine wesentliche Rolle spielt ein spezieller Bereich des Mittelhirns, die sogenannte Schwarze Substanz“, so Priv.-Doz. Dr. Ries. „Hier wird der Botenstoff Dopamin gebildet, der maßgeblich an den Steuerungsvorgängen von Bewegungen beteiligt ist.“ Bei Parkinson-Betroffenen sterben in dieser Region Nervenzellen ab. Durch das fehlende Dopamin gerät die Interaktion der Nervenzellen, die an der Bewegungsbildung beteiligt sind, in ein Ungleichgewicht: Die Nervenzellen können nicht mehr richtig miteinander kommunizieren. Für eine bestimmte Zeit kann der Körper den entstehenden Mangel ausgleichen. Erst wenn mehr als 50 Prozent der verantwortlichen Zellen abgestorben sind, treten die für eine Parkinson-Erkrankung typischen Symptome auf.

Lebensqualität und Selbstständigkeit langfristig erhalten

Trotz großer medizinischer Fortschritte ist es nicht immer einfach, die Diagnose Morbus Parkinson zweifelsfrei zu stellen. Gerade im Frühstadium sind die Beschwerden oftmals unspezifisch, sodass viele Ursachen dahinterstecken können. „Ein erstes Anzeichen kann sein, dass ein Arm beim Gehen weniger mitschwingt als üblich“, stellt der Chefarzt der Neurologie fest. „Die Bewegungen werden im weiteren Verlauf zunehmend langsamer.“ Betroffene in einem späteren Stadium der Krankheit würden sich außerdem mit kleinen Schritten in gebeugter Haltung bewegen und instabil wirken. „Auch Gestik und Mimik nehmen ab – oftmals wirkt das Gesicht zunehmend wie eine starre Maske“, so der Neurologe. „Hinzu kommen Probleme beim Sprechen und Schlucken.“ Neben der Bewegungsverlangsamung (Bradykinese oder Akinese) kann bei drei von vier Patienten ein Zittern in Ruhe (Ruhetremor) beobachtet werden. Von der typischen Versteifung der Muskeln (Rigor) sind vor allem Arme und Beine betroffen. Eine Einschränkung der Stellreflexe (Haltungsinstabilität) tritt in der Regel erst in einem späteren Stadium der Erkrankung auf, führt dann jedoch häufig zu Stürzen. Die genannten Symptome beginnen in der Regel auf einer Seite und gehen im Verlauf auch auf die Gegenseite über.

Bei der Parkinson-Krankheit gehen nicht nur Nervenzellen in der Schwarzen Substanz zu Grunde. Dies führt zum Auftreten von Symptomen, die nicht die Bewegung betreffen (sog. nicht-motorische Symptome). Dazu zählen z.B. Obstipation, Riechstörung, Schlafstörungen und Demenz. Diese können in späteren Krankheitsstadien zu einer deutlichen Einschränkung der Lebensqualität führen.

Eine Heilung der Krankheit ist bisher nicht möglich. Durch spezielle Medikamente und unterstützende Therapien können ihre Symptome jedoch über Jahre erfolgreich behandelt werden. Als Ziel setzt sich das Team der Neurologie, „motorische, geistige und psychische Beschwerden zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und die Selbstständigkeit bei den Tätigkeiten des täglichen Lebens langfristig aufrecht zu erhalten.“

Therapie besteht aus mehreren Bausteinen

Mit einer medikamentösen Behandlung sollen die Botenstoffe im Gehirn wieder in ihr Gleichgewicht gebracht werden. Da es sich um eine fortschreitende Krankheit handelt und Symptome sowie Nebenwirkungen unterschiedlich ausgeprägt sein können, ist die Einstellung anspruchsvoll. In bestimmten Zeitabständen müssen Anpassungen vorgenommen werden. „Reichen Medikamente nicht mehr aus, kann eine chirurgische Therapie zum Einsatz kommen“, legt Priv.-Doz. Dr. Ries dar. „Bei der sogenannten Tiefenhirnstimulation werden an genau berechneten Stellen des Gehirns Elektroden eingesetzt. Im Anschluss können bestimmte Hirnareale elektrisch gereizt und somit gehemmt werden, um Beschwerden gezielt zu lindern.“ Zusätzlich ist eine physiotherapeutische Betreuung wichtig, um die Beweglichkeit möglichst lange zu erhalten. Sind Sprech- und Schluckvermögen beeinträchtigt, können logopädische Maßnahmen helfen. In der Ergotherapie wird bei Bedarf mit Einsatz von Hilfsmitteln, wie beispielsweise einer Schreibhilfe, trainiert.

Für Josef Günther war es außerdem wichtig, sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen, um sich mit anderen Betroffenen und deren Angehörigen austauschen zu können. Er ist froh, dass seine Erkrankung in einem frühen Stadium erkannt wurde, denn wie viele andere Krankheiten sollte auch die Parkinsonkrankheit frühzeitig behandelt werden.

* Name von der Redaktion geändert

 

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