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Medizin und Gesundheit | Artikel Aktueller Artikel

Interdisziplinäres Arbeiten unter dem „MVZ-Dach“

Medizinische Versorgungszentren (MVZ) tragen in erheblichem Maße dazu bei, die flächendeckende Behandlung von Patienten sicherzustellen – vor allem in ländlichen Regionen. Welche Trends hierzu führten und in welchem Bereich die MVZ Ortenau und Offenburg inzwischen als Ausbildungsstätten für ein Duales Studium anerkannt wurden, berichten die Geschäftsführer Dr. rer. pol. Franz Hahn und Hubert Müller.

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Die MVZ-Standorte in Zahlen (1)

Die MVZ-Standorte in Zahlen (2)

Die MVZ-Standorte in Zahlen (3)

Die MVZ-Standorte in Zahlen (4)

Die MVZ-Standorte in Zahlen (5)

Die MVZ-Standorte in Zahlen (6)

Die MVZ-Standorte in Zahlen (7)

Dr. rer. pol. Franz Hahn

Hubert Müller

Wann begann die MVZ-Geschichte und wie haben sich die MVZ des Ortenaukreises entwickelt?

Die MVZ Offenburg GmbH wurde am 1.April 2006 von der Kongregation der Franziskanerinnen vom Göttlichen Herzen Jesu, die MVZ Ortenau GmbH am 1. Juni 2006 vom Ortenaukreis gegründet. Im Zuge der Fusion des Ortenau Klinikums mit der St. Josefsklinik im Jahre 2010 ging auch die MVZ Offenburg GmbH auf den Ortenaukreis über. Der Ortenaukreis ist deshalb heute alleiniger Gesellschafter beider MVZ GmbHs. Beide Gesellschaften bestanden ursprünglich aus zwei Facharztpraxen und haben sich seither beträchtlich entwickelt. Heute wird in der MVZ Offenburg GmbH ein MVZ mit acht Praxissitzen betrieben. Unter dem Dach der MVZ Ortenau GmbH sind acht MVZ-Standorte mit insgesamt 35,5 Praxissitzen vereint. Insgesamt betreiben wir im Ortenaukreis also neun MVZ mit insgesamt 43,5 Praxissitzen. Dies entspricht ungefähr zehn Prozent der Facharztpraxen im Ortenaukreis.

Wir können heute mit Fug und Recht sagen, dass wir von einem Kleinunternehmen zu einem mittelständischen Betrieb gewachsen sind. Das sieht man nicht nur am Zuwachs der MVZ und der Arztpraxen von 2006 bis heute. Es lässt sich auch sehr beeindruckend an der Entwicklung der Mitarbeiterzahl ablesen. Im Gründungsjahr sind wir mit vier Ärzten und acht Medizinischen Fachangestellten an den Start gegangen. Heute beschäftigen wir 76 Ärzte – das entspricht 46 Vollkräften – und 149 Medizinische Fachangestellte, was 103 Vollkräften entspricht. Nach unserem Kenntnisstand sind wir, gemessen an der Anzahl der Praxissitze, in Baden-Württemberg das größte und bundesweit das drittgrößte MVZ. Die MVZ Ortenau GmbH und die MVZ Offenburg GmbH waren darüber hinaus die ersten beiden MVZ, die in Baden-Württemberg zugelassen wurden.

Unseres Erachtens hat der Ortenaukreis, bzw. dessen Gremien, mit dem Beschluss MVZ zu betreiben, eine zukunftsweisende Entscheidung zur Sicherstellung der ambulanten medizinischen Versorgung im ländlich geprägten Ortenaukreis getroffen.

Was macht den Unterschied zwischen einem MVZ und einem Krankenhaus aus?

Aus rechtlicher Sicht ist ein Krankenhaus ein Betrieb im Sinne des Krankenhausfinanzierungsgesetzes. Die zu versorgenden Personen können dort untergebracht und behandelt werden. Die Finanzierung erfolgt im Wesentlichen durch Investitionszuschüsse des Landes und Entgelte (DRG), die die einzelnen Träger der Krankenversicherung direkt vergüten. 

Die Medizinischen Versorgungszentren wurden erst im Jahr 2003 vom deutschen Gesetzgeber eingeführt. Es handelt sich dabei um Einrichtungen zur ambulanten medizinischen Versorgung. Im Bereich der Pflichtversicherung erfolgt die Vergütung im Wesentlichen über einen Fonds, den die Kassenärztliche Vereinigung verwaltet und in den die einzelnen Krankenkassen einen festgelegten Betrag einzahlen.

Im MVZ können, ähnlich wie in den Polikliniken der früheren DDR, zugelassene Ärzte oder Psychotherapeuten im Angestelltenverhältnis arbeiten. Gegenüber dem Krankenhaus erfolgt im MVZ die Behandlung ausschließlich ambulant

Welche Ziele verfolgen die MVZs?

Allgemein gesagt gehört zu den Zielen die Sicherstellung der medizinischen Versorgung im vertragsärztlichen Bereich, insbesondere im ländlichen Raum. Ein Beispiel veranschaulicht das: So war es zwei unfallchirurgisch-orthopädischen Praxisinhabern in Zell a. H. mit einem hohen Anteil an berufsgenossenschaftlichen Patienten nicht möglich, einen Nachfolger zu finden. Die unfallchirurgische-orthopädische Versorgung im Kinzig- und Harmersbachtal drohte zusammenzubrechen. In Zusammenarbeit mit Herrn Dr. Mrosek, Chefarzt der Unfallchirurgischen Klinik am Ortenau Klinikum Offenburg, war es möglich, mit zwei sehr kompetenten Ärzten das MVZ Ortenau Zell zu gründen und zu betreiben und damit die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger weiter zu gewährleisten. 

Weiterhin gehört auch die Verbesserung der sektorübergreifenden ambulant-stationären Versorgung zu den Zielen der MVZ. Unsere angestellten Ärzte arbeiten interdisziplinär unter dem „MVZ-Dach“ zusammen. Teilweise arbeiten Ärzte sowohl im Krankenhaus als auch in Teilzeit im MVZ, was zu einer durchgängigen ambulant-stationären Versorgung führt. Eine einzige Vertragsarztzulassung wird im MVZ häufig in Teilzeit mit bis zu vier Ärzten besetzt.

Ein dritter wichtiger, allgemein formulierter Punkt ist die Sicherstellung der Versorgung im Bereich außerhalb der Kassenärztlichen Vereinigung, zum Beispiel bei Berufsgenossenschaften, Facharzt- oder Hausarztverträgen. Immer mehr Krankenkassen gehen dazu über, Verträge außerhalb der Kassenärztlichen Vereinigung anzubieten. Versicherte lassen sich in diese Programme einschreiben und können von den teilnehmenden Arztpraxen der MVZ behandelt werden.

Neben den allgemeinen Zielen gibt es natürlich noch eine Reihe von Einzelzielen. So ist im MVZ Ortenau Achern die Wirbelsäulenchirurgie ein gelungenes Beispiel dafür, wie mit einer Arztpraxis eine neue Fachabteilung am Ortenau Klinikum implementiert werden kann. Beim Aufbau der stationären Sektion Wirbelsäulenchirurgie im Ortenau Klinikum Achern wurde der im Klinikum operativ tätige Wirbelsäulenchirurg Dr. Klavora auch in der chirurgischen Arztpraxis des MVZ angestellt. Dort kann er nun über Spezialsprechstunden Patienten mit Wirbelsäulenerkrankungen im stationären und operativen Bereich des Ortenau Klinikums Achern behandeln. Zudem haben dadurch die Patienten des Ortenaukreises mit Wirbelsäulenerkrankungen eine wohnortnahe Versorgung aus einem Guss.

Wie können sich die Patienten eine Behandlung im MVZ vorstellen? Was sollten Sie vor einer Behandlung wissen oder mitbringen?

Ähnlich wie es die Zusammenarbeit mehrerer niedergelassener Ärzte gibt – in Form von Gemeinschaftspraxen, Praxisgemeinschaften oder Berufsausübungsgemeinschaften – arbeiten in einem MVZ mehrere Ärzte zusammen. Die einzelnen Fachrichtungen sind hierbei je nach Standort im Ortenaukreis sehr unterschiedlich. In der Weingartenstraße in Offenburg besteht das MVZ beispielsweise aus der hausärztlichen Versorgung, der fachärztlich internistischen Versorgung in den Bereichen Gastroenterologie, Hepatologie und Pulmologie, der psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung, der psychosomatischen Versorgung und der Strahlentherapie

Die Behandlungen erfolgen entsprechend den einschlägigen Pfaden der Qualitätssicherung. Einzelheiten über den Behandlungsverlauf werden mit dem Patienten individuell im Rahmen des Aufklärungsgespräches durch den Arzt besprochen. Informationen können über unsere Webseiten abgerufen werden. 

Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit zwischen den MVZ Ortenau/MVZ Offenburg und dem Ortenau Klinikum zur Sicherstellung einer flächendeckenden Gesundheitsversorgung im Ortenaukreis?

Die in den beiden MVZ des Ortenaukreises befindlichen Vertragsarztsitze wurden in keinem Fall initial aktiv übernommen. Vielmehr waren es immer niedergelassene Ärzte, die entweder keinen Nachfolger finden konnten oder die glaubten, durch die Abgabe des Sitzes an unsere MVZ die Sicherstellung der Behandlung ihrer Patienten auch in der Zukunft gewährleisten zu können. Es besteht grundsätzlich auch für jeden in einem der MVZ angestellten Arzt die Möglichkeit, den vorhandenen Kassensitz zu erwerben und sich wieder auf eigene Rechnung niederzulassen. 

In dieser Vorgehensweise liegt auch der Kern der Zusammenarbeit zwischen MVZ und Ortenau Klinikum begründet. Das soll das aktuellste Beispiel veranschaulichen: Für die beiden Othopädiepraxen in Zell am Harmersbach konnten durch die früheren Praxisinhaber keine Nachfolger gefunden werden. Das MVZ konnte gemeinsam mit dem Ortenau Klinikum ein Konzept zur Sicherstellung der wohnortnahen Versorgung umsetzen. Im Zuge dessen werden derzeit die Praxisräume durch die Stadt Zell am Harmersbach und das MVZ grundlegend renoviert und zukunftsorientiert aufgestellt. Durch diesen Ansatz wird die durchgängige stationäre und ambulante Versorgung dieser Patienten weiterhin sichergestellt. Dies betrifft für die MVZ die prä- und poststationäre Betreuung und Behandlung der Patienten und damit die zeitlich rechtzeitige Aufnahme und Entlassung durch das Krankenhaus.

Wie ist die rasante Entwicklung Ihrer MVZ zu erklären und welche Entwicklungen sind im niedergelassenen Bereich zu beobachten?

Immer mehr freiberufliche Allgemein- und Facharztpraxen finden keinen Nachfolger mehr, was zur Folge hat, dass dem Ortenaukreis bzw. dessen MVZ immer mehr Praxen zum Kauf angeboten werden. Nicht nur für die Freiberufler, sondern auch für die MVZ wird es künftig immer schwieriger werden, für frei werdende oder neu hinzugekommene Arztpraxen im MVZ Nachwuchs zu finden.

Das Angestelltenverhältnis im MVZ ist für viele Ärzte eine Alternative zur Freiberuflichkeit. Der Arzt kann mit geregelter Arbeitszeit in einer Praxis arbeiten, ohne das Unternehmerrisiko tragen zu müssen. Die Anstellung im MVZ in Teilzeit ist besonders interessant, um Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Auch ältere Ärzte nutzen im MVZ gerne die Teilzeitanstellung, um die berufliche Belastung zu verringern.

Immer mehr niedergelassene Ärzte oder solche, die es werden wollen, möchten außerdem eng mit Kollegen kooperieren, unter anderem wegen Vertretungsregelungen, geregelten Arbeitszeiten und dem Austausch von Erfahrungen. Der Trend geht also weg von der Einzelpraxis zu Berufsausübungsgemeinschaften, unter anderem eben auch zum MVZ.

Die MVZ Ortenau / MVZ Offenburg wurden als Ausbildungsstätten im Rahmen eines Dualen Studiums im Fach BWL-Gesundheitsmanagement anerkannt. Was macht diesen Beruf aus und welche Besonderheiten bringt das Duale Studium mit sich?

Im Rahmen des dualen Studiums folgt grundsätzlich nach einer dreimonatigen Hochschulphase eine dreimonatige Praxisphase. Die Studierenden arbeiten damit in den Praxisphasen im Unternehmen mit. Potentielle, geeignete Nachwuchskräfte können hierdurch gefördert werden. Nach einer dreijährigen Kennenlernphase besteht nur ein geringes Risiko bei der Einstellung von Absolventen oder Absolventinnen. Da eine Einarbeitungsphase entfällt, sind diese sofort einsetzbar. Es geht hier letztendlich um einen Ansatz zur Profilierung im Wettbewerb um qualifizierte Arbeitnehmer.

Können Sie bereits erste Erkenntnisse in Bezug auf die Ausbildung im Dualen Studium für angehende Gesundheitsmanager ziehen?

Die erste Studentin hat erst zum 1. Oktober 2018 begonnen. Sie befindet sich derzeit in der zweiten Studiumsphase und hat bereits eine Praxisphase hinter sich. Interessant wird es diesbezüglich, wenn wir die Themen für die Studienarbeiten vergeben – im III. Quartal 2019 wird das zum Beispiel der Komplex „Synergien der gemeinsamen Personalbearbeitung des Ortenau-Klinikums und der MVZ“ sein. Die Studentin hat im Übrigen bereits eine Ausbildung zur Medizinischen Fachangestellten absolviert und auch schon in Praxen gearbeitet.

Gibt es weitere Punkte, die Sie gerne betonen und hervorheben möchten?

Unseren MVZs ging es zu keinem Zeitpunkt darum, in Konkurrenz zu niedergelassenen Vertragsärzten zu treten. Ganz im Gegenteil. Mittlerweile ist vielen Ärzten das unternehmerische Risiko, im vertragsärztlichen Bereich tätig zu werden, einfach zu hoch. Auch die Work-Life-Balance tritt immer mehr in den Vordergrund. Durch die Möglichkeit, sich in einem Angestelltenverhältnis des unternehmerischen Risikos weitgehend entledigen zu können, entscheiden sich immer mehr Ärzte, unter dieser Voraussetzung dann doch im niedergelassenen Bereich tätig zu werden. Dabei wird der Umgang mit der Bürokratie auf weiteren Schultern verteilt und getragen und bringt eine enorme Erleichterung für die Ärzte. Und, wie bereits oben ausgeführt, besteht auch später die Möglichkeit, sich auf eigene Rechnung selbständig zu machen. Gemeinsam mit dem Zulassungsausschuss der Kassenärztlichen Vereinigung leisten unsere MVZ damit einen wesentlichen Beitrag zur Sicherstellung der flächendeckenden, ambulanten Versorgung und zur sektorenübergreifenden Behandlung der Mitbürger.


Ihre MVZ vor Ort

MVZ Ortenau GmbH
Geschäftsführung
Dr. rer. pol. Franz Hahn
Hubert Müller 
Weingartenstraße
7077654 Offenburg
E-Mail: verwaltung@mvz-ortenau.de
www.mvz-ortenau.de   
www.mvz-offenburg.de  

 

Hinweis:

Die hier publizierten Beiträge sind redaktionell und die darin enthaltenen Angaben zu Daten, Fakten, Kontakten o.ä. werden nicht aktualisiert. Zur näheren Information besuchen Sie bitte die jeweiligen Fachkliniken auf der Website des Ortenau Klinikums.

Patientenzeitschrift Heft 17

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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