Medizin und Gesundheit | Artikel Aktueller Artikel

In der Stille zu sich selbst finden

Nie hätte Brigitte Ott aus Lahr gedacht, dass sie selbst einmal zur Krebspatientin werden sollte. Doch im Januar 2016 erhält die 54-Jährige die erschreckende Diagnose: Brustkrebs. Von einer Sekunde auf die andere ist nichts mehr, wie es war. „Dem stressigen, herausfordernden Arbeitsalltag hätte ich in diesem Zustand nicht standhalten können. So kam der Berufsausstieg von einem Tag auf den anderen. Vor mir lagen Wochen voller Zeit, voller Fragen und Ängste“, berichtet die Lahrerin. Dann entdeckt sie die Meditation für sich – und sieht bald darauf ihr Leben aus einer ganz anderen Perspektive.

Brigitte Ott war beruflich erfolgreich: Leiterin einer Kita, Chefin von 16 Mitarbeitern – ein starker und positiver Mensch. „Krebs? Das kriegen nur die anderen, dachte ich immer“, erzählt die Lahrerin. Doch eines Abends bemerkt sie einen kleinen Knoten in ihrer linken Brust. Sie will es nicht wahrhaben. „Meinen ersten Arzttermin habe ich abgesagt“, so die 54-Jährige. Dann überwindet sie sich doch und vereinbart einen weiteren Termin mit ihrer Frauenärztin. Diese untersucht Brigitte Ott und macht ihr schnell klar: Es handelt sich um etwas Ernstes. Weitere Untersuchungen am Brustzentrum Lahr, das Teil des Onkologischen Zentrums Ortenau (OZO) und Kooperationspartner der Universitätsfrauenklinik Freiburg ist, werden angeordnet. Dann folgt die schockierende Diagnose: bösartig. Es handelt sich um Brustkrebs.

„Wir müssen die Eigenschaften des Tumors genau kennen“

„Es gibt unterschiedliche Arten von Brustkrebs. Für den Behandlungserfolg und die Wahl der Therapie ist eine sehr genaue Diagnostik daher von entscheidender Bedeutung. Wir müssen die Beschaffenheit und die Eigenschaften des Tumors genau kennen“, erklärt Dr. Sabine Dohnicht, Oberärztin am Brustzentrum Lahr, an dem Brigitte Ott behandelt wird. Für das Wachstum von Brusttumoren sind häufig körpereigene Botenstoffe, die Hormone, verantwortlich. „Manche Brustkrebszellen besitzen spezielle Empfängermoleküle für diese Hormone“, so Dr. Dohnicht. „Andere bösartige Brusttumoren wiederum wachsen komplett unabhängig  davon. Sie sind schwierig zu therapieren, während hormonabhängige Geschwulste unter anderem mithilfe von ‚Antihormontabletten‘ oft gut behandelt werden können.“

Bei Brigitte Ott zeigen sich innerhalb der Brustdrüse mehrere bösartige Tumoren. Außerdem tragen die Krebszellen krankhafte Empfängermoleküle des körpereigenen Wachstumsfaktors EGF, die HER2 genannt werden.  Infolgedessen bekommen die betroffenen Zellen ständig Wachstumssignale und vermehren sich unkontrolliert. „Wir sprechen dann von einem HER2-positiven Brustkrebs“, erklärt die Oberärztin. „Frau Otts Tumor bewegt sich im mittlerenBereich zwischen aggressivem und gut behandelbarem Tumor.“  Brigitte Ott wird mit einer sogenannten neo-adjuvanten Therapie behandelt. Dabei erhält der Patient eine Chemo- und eine Antikörpertherapie, damit die Geschwulst schrumpft und mögliche Krebszellen, die sich bereits im Blutkreislauf befinden, abgetötet werden. Während dieser Behandlung werden regelmäßig Ultraschalluntersuchungen durchgeführt, um den Behandlungserfolg zu überwachen. Anschließend wird operiert.

Eine Zeit voller Fragen und Ängste – Meditation kann helfen

Die Behandlung schlägt bei Brigitte Ott gut an. Dennoch: „In dem ganzen Trubel schien ich äußerlich zu funktionieren, ich hörte auch oft von vielen Menschen, wie gut ich alles tragen würde. Doch am Ende war es so, dass ich nicht einmal mehr weinen konnte“, erzählt die 54-jährige Krebspatientin. „Vor mir lagen Tage voller Zeit, voller Fragen und Ängste“, berichtet sie. Bei ihrem nächsten Behandlungstermin erfährt sie von einem Vortrag des Psychologen Bernd Hug vom Ortenau Klinikum Offenburg-Gegenbach: „Umgang mit belastenden Gefühlen im Zusammenhang mit Krebs“. Hug ist seit  1987 als Psychoonkologe tätig. Brigitte Ott besucht seinen Vortrag gemeinsam mit ihrem Mann. „An Krebs zu erkranken bedeutet, sich mit sehr intensiven Gefühlen auseinanderzusetzen: Ängste, Hilflosigkeit, Verzweiflung und Wut können in ständigem Wechsel auftreten. Ich möchte Betroffenen mögliche Wege aufzeigen, mit diesen Gefühlen konstruktiv umzugehen“, so Bernd Hug.

„Die Stille hat mich zutiefst im Inneren berührt“

Während des Vortrags fällt Brigitte Ott ein Flyer von Emanuel  Ogrodniczek in die Hände. Er ist Zen-Anleiter und bietet in Lahr eine Meditationsgruppe an. „Alles war so unkompliziert. Ich rief ihn an und er lud mich sofort zu einer Einführung in die Zen-Meditation ein“, erinnert sie sich. „Die ersten Erfahrungen mit der Stille haben mich zutiefst in meinem Inneren ergriffen. So intensiv mit mir selbst in Berührung zu kommen und so sein zu dürfen, wie ich bin, lässt sich für mich nicht in Worte fassen.“ Die durch die Meditation gefundene Ruhe und Stille nimmt sie in sich auf, sie begleitet sie den ganzen Tag.
Emanuel Ogrodniczek leitet in der Meditationsgruppe morgendliche Meditationen. Ab sieben Uhr finden drei Sitzrunden à 20 Minuten statt, die durch je fünf Minuten Gehmeditation unterbrochen werden. „In dieser Zeit steht die Tür offen. Wer zur Arbeit muss, kann dann den Raum verlassen, und wer erst später Zeit hat, kann hinzukommen“, beschreibt der Zen-Anleiter den Ablauf. Jeder ist willkommen, keinersoll ausgeschlossen werden. Insbesondere für Menschen, die ein schweres Schicksal tragen, kann Meditation befreiend sein. Brigitte Ott kann dank des regelmäßigen Meditierens sogar auf Schlaf- und Beruhigungsmittel verzichten.

Wie ein Geschenk

Auch Psychoonkologe Hug bestätigt: „Durch Meditation können Menschen verlorengegangenen Boden unter den Füßen wiedergewinnen. Das braucht natürlich Zeit und die zu einem passende Methode. Da ist manchmal Ausprobieren angesagt. Insbesondere bei schwerwiegenden Veränderungen im Leben sollte der Zugang zur Meditation nicht allein gesucht werden, sondern mit einer meditationserfahrenen Person.“

Brigitte Ott meditiert rund fünf Mal pro Woche. Für sie gehört das Meditieren inzwischen fest zu ihrem Alltag. „Es erscheint mir wie ein Geschenk, das alles entdeckt zu haben“, freut sie sich. Die gläubige Christin besucht darüber hinaus weiterhin Gottesdienste. „Meditation und Beten, das ergänzt sich wohltuend und beides möchte ich nicht mehr missen“, erklärt sie. Durch die Mediation hat sich ihre Sicht auf das Leben geändert. Die Lahrerin wird ihren Alltag und ihre Arbeit zukünftig achtsam angehen. Große Pläne für die Zukunft schmiedet sie nicht. „Ich führe ein schönes, erfülltes Leben. Dafür bin ich sehr dankbar. Die Meditation hilft mir dabei, positiv in die Zukunft zu blicken.“

Ihre Fachkliniken und Ambulanten Angebote vor Ort

Brustzentrum

Standort Lahr
Dr. Muneer Mansour
Dr. Sabine Dohnicht
Klostenstraße 19
77933 Lahr
Tel. 07821 93-2551
E-Mail: gyngebh(at)le.ortenau-klinikum.de

Psychoonkologische Beratung und Betreuung
Offenburg Ebertplatz und St. Josefsklinik

Standort Offenburg Ebertplatz
Ebertplatz 12
77654 Offenburg


Standort Offenburg St. Josefsklinik
Weingartenstr. 70
77654 Offenburg

Bernd Hug, Tel. 0781 472-2808
E-Mail: berndhug(at)gmx.de

Maritta Schlupp, Tel. 0781 472-2718
E-Mail: maritta.schlupp(at)og.ortenau-klinikum.de

Lahrer Meditationsgruppe

Die Meditationen in der Gruppe von Emanuel Ogrodniczek, freischaffender Lahrer Künstler, Übungsanleiter für Qi Gong und Tai Chi sowie Anleiter für Zen-Meditation, finden von  Montag bis Freitag jeweils um 7 Uhr in Lahr statt. Wer teilnehmen möchte, meldet sich telefonisch bei ihm unter Tel. 0176 21801722 an und wird zu einem Kennenlerngespräch eingeladen. Im nächsten Schritt werden Neulinge in die Abläufe eingeführt und können dann an der Meditation teilnehmen.

Meditation am Ortenau Klinikum

Das Ortenau Klinikum bietet in Offenburg St. Josefsklinik jeden dritten Mittwoch im Monat (außer im April und August) geleitete Meditationen an. Diese werden von Dieter W. Schleier, Leiter der Zentralen Unternehmenskommunikation sowie Anleiter für Zen-Meditation und Kontemplationslehrer, koordiniert.

Patientenzeitschrift Heft 13

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


Jetzt durchblättern

Zum Zeitschriften-Archiv