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Durch Mark und Bein – Wie gebrochene Röhrenknochen schnell und sanft stabilisiert werden

MuG Artikel Lahr Regionales Traumazentrum

Röhrenknochen sind Knochen mit einer langen Markhöhle und Gelenken an beiden Enden. Arme und Beine, aber auch Hände und Füße bestehen aus solchen Knochen. Wer durch einen Unfall oder eine Verletzung einen Bruch erlitten hat, ist im Regionalen Traumazentrum des Ortenau Klinikums Lahr-Ettenheim in den besten Händen – hier werden gebrochene Röhrenknochen mit der sogenannten Marknagel-Osteosynthese wieder gerichtet. Bei diesem operativen Verfahren stabilisiert Prof. Dr. Akhil P. Verheyden, Chefarzt des Regionalen Traumazentrums und der Klinik für Unfall-, Orthopädische und Wirbelsäulenchirurgie am Ortenau Klinikum in Lahr, den Bruch mit Marknägeln.

Abbildung Prof. Dr. Akhil P. Verheyden und sein Team

Prof. Dr. Akhil P. Verheyden und sein Team

Abbildung Marknagel-Osteosynthese

Die Marknagel-Osteosynthese

Knochenbrüche sind oft die Folge einer direkten oder indirekten Gewalteinwirkung bei einem Unfall, einem Sturz, Schlag oder Stoß. Oft genügt bei Knochenbrüchen ein Gips, um den Knochen ruhigzustellen. In manchen Fällen müssen die Bruch-Teile jedoch mit Schrauben, Metallplatten, Drähten oder Nägeln zusammengehalten werden, damit sie wieder gut zusammenwachsen. „Die Entscheidung, ob zur Behandlung des Knochenbruches operiert werden muss oder ein Gips verwendet wird, hängt von der Art der Verletzung ab. Lokalisation, Belastungsstärke oder Ausmaß der Fehlstellung sind dafür ausschlaggebend“, erklärt Professor Verheyden.

Wiederherstellung der vollen Funktionsfähigkeit


Bei der operativen Wiederherstellung gebrochener Knochen, der sogenannten Osteosynthese, werden zunächst die zueinander gehörigen Knochenfragmente in ihre ursprüngliche Lage zurückgebracht (anatomische Reposition). Anschließend wird der Bruch stabilisiert und Implantate, wie beispielsweise Marknägel, werden im Knochen platziert. Mit den Marknägeln (Marknagelosteosynthese) wird der Knochen von innen geschient. Der Marknagel wird an allen Knochen eingesetzt, die einen röhrenförmigen Hohlraum haben. Praktisch alle Bruchformen im Schaftbereich der langen Röhrenknochen, beispielsweise des Oberschenkelknochens, können so stabilisiert werden.

Sicherer Eingriff unter Röntgenkontrolle

Um möglichst schonend zu operieren, führt Professor Verheyden durch einen kleinen Schnitt vom Ende des Knochens zunächst einen dünnen Führungsdraht ein. Unter Röntgenkontrolle richtet er den Bruch dann gerade und schiebt den langen Führungsdraht über den Bruchspalt in die Markhöhle des anderen Knochenteils weiter. Ist der Bruch korrekt eingerichtet und liegt der Draht so im Knochen, wie der Nagel platziert werden soll, wird der Draht mit einem kanülierten, also hohlen, Bohrer überbohrt, der mindestens dem Umfang des Nagels entspricht. Ein moderner Marknagel ist auch kanüliert und kann über den Drahtsicher, schonend und genau eingebracht werden. Der Nagel besitzt an seinem oberen und unteren Ende sogenannte Verriegelungslöcher. Durch diese werden nach korrekter Platzierung des Nagels über ganz kleine Schnitte Schrauben zur zusätzlichen Stabilisierung eingebracht.

Bewegung gleich nach OP möglich

Die Dauer des operativen Eingriffs hängt von der Art der Verletzungen ab. Eine zusätzliche Ruhigstellung mit Gips ist nach der Operation nicht erforderlich. Die Extremität kann gleich wieder bewegt werden. Mit modernen Verriegelungsmarknägeln ist meist sogar von Anfang an eine volle Belastung möglich. Wenn der Knochen verheilt ist, können die Metallimplantate wieder durch einen kleinen operativen Eingriff entfernt werden, in vielen Fällen sogar ambulant. Bei Kindern wird das Material nach Abschluss der Knochenbruchheilung immer entfernt, da der Knochen noch wachsen muss.

Vor- und Nachteile des Marknagels

„Ein Hauptanliegen der chirurgischen Tätigkeit, das sich wie ein roter Faden durch meine wissenschaftlichen Arbeiten zieht, ist die Minimierung des Operationstraumas. Unter diesem Aspekt wurde das Marknagelsystem entwickelt“, erläutert Professor Verheyden. Da die Marknagelosteosynthese minimalinvasiv, also mit kleinen Schnitten in die Haut, durchgeführt wird, sind die Folgen des Eingriffs gering. Die Marknagelung bietet darüber hinaus den Vorteil, dass sie im Vergleich zu einem Gips sofortige Bewegung der benachbarten Gelenke und viel schnellere Belastung ermöglicht. Mit krankengymnastischen Übungen kann gleich am Tag nach der OP begonnen werden. Durch die Lage im Inneren des Knochens sitzt der Marknagel an der biomechanisch besten Stelle und schont sowohl die empfindliche Knochenhaut als auch das umliegende Gewebe.

Der Nachteil eines Marknagels ist, dass er eine Fettembolie auslösen kann: Durch die Lage im Inneren des Knochens wird fettiges Knochenmark in den Blutkreislauf eingeschwemmt, das auch in die Lunge gelangen könnte. „Gesunde Menschen bauen dieses Fett problemlos wieder ab, aber bei einer vorgeschädigten Lunge muss man vorsichtig sein“, erläutert Professor Verheyden. Die osteosynthetische Behandlung mit einem Marknagel ist heute eine der besten Therapiemöglichkeiten. Sofern keine medizinischen Gründe dagegen sprechen, ist der Marknagel daher fast immer die erste Wahl, um einen gebrochenen Röhrenknochen zu  stabilisieren.

Weltweit anerkanntes Verfahren


Im Rahmen seiner klinischen und wissenschaftlichen Tätigkeit ist Professor Verheyden eng mit der weltweiten Weiterentwicklung der Marknagelung verbunden. 1997 entwickelte er zusammen mit Prof. Dr. Christoph Josten an der Universität in Leipzig mit dem Sirus-Nagel das erste anatomisch angepasste, minimalinvasiv über die neben dem Hüftgelenk liegende Spitze des Oberschenkelknochens implantierbare Nagelsystem. Diese Methode ist mittlerweile international zum Standard geworden. Zahlreiche weitere Entwicklungen folgten; zuletzt wurde ein Nagel entwickelt, der es ermöglicht, auch einen Bruch am Rande eines künstlichen Kniegelenkes minimalinvasiv zu stabilisieren, ohne dabei die Gelenkprothese zu wechseln.

Professor Verheyden ist ein weltweit gefragter Experte auf diesem Gebiet, der häufig zu Konferenzen und Vorträgen eingeladen wird. Im letzten Jahr war er unter anderem in den USA, in Japan, China,  Indien, Dubai, der Türkei, Skandinavien und Russland aktiv. Häufig kann man am Ortenau Klinikum in Lahr Gäste insbesondere aus Asien antreffen, die hier die modernen Techniken der Marknagelung erlernen wollen.

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Standort Lahr
Prof. Dr. Akhil P. Verheyden
Klostenstr. 19
77933 Lahr
Tel. 07821 93-2303
E-Mail: unfallchirurgie(at)le.ortenau-klinikum.de

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Patientenzeitschrift Heft 11

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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