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Facettensyndrom - Wenn kleine Wirbelgelenke große Schmerzen verursachen

Sie hält uns aufrecht und muss tagtäglich einiges (er)tragen: unsere Wirbelsäule. Das menschliche Rückgrat besteht aus rund 33 Wirbeln. Die Anzahl der Wirbel ist nicht bei allen Menschen gleich, da sich die Zahl der Steißwirbel unterscheidet. Durch die Bandscheiben und verschiedene Bänder sind die Wirbel miteinander verbunden. Um zu verhindern, dass die Wirbelsäule sich bei Bewegungen verdreht, wird sie durch kleine Zwischenwirbelgelenke an den Seiten stabilisiert. Diese werden auch Wirbelbogen- oder Facettengelenke genannt.

© Ortenau Klinikum

 

Wenn der Druck auf die Gelenke wächst

Bei einem gesunden Rücken arbeiten die Wirbel, Gelenke, Bänder und Bandscheiben perfekt zusammen, so dass die Wirbelsäule und der Rücken elastisch, stabil und in Maßen belastbar sind. Doch unsere Wirbelsäule altert mit uns und zeigt im Laufe der Jahre immer stärkere Verschleißerscheinungen. Wenn es öfter im Rücken zwickt, wenn Bewegungen zur Qual werden, ist das ein erstes Anzeichen dafür, dass das Zusammenspiel entlang der Wirbelsäule aus dem Gleichgewicht geraten ist. „Bei vier von zehn Menschen zeigen sich bereits mit Mitte Dreißig erste Verschleißerscheinungen an der Wirbelsäule und ihren kleinen Facettengelenken“, sagt Prof. Dr. Akhil P. Verheyden, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, Physikalische Therapie und Notfallmedizin sowie Chefarzt der Klinik für Unfall-, Orthopädische und Wirbelsäulenchirurgie am Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim. „Dieser Verschleiß wird insbesondere von drei Faktoren begünstigt: Zu wenig Bewegung, Übergewicht und genetische Veranlagung.“

 

Facettensyndrom

Zuallererst leiden meist die Bandscheiben. Unverbrauchte Bandscheibenkerne bestehen zu 80 bis 90 Prozent aus Wasser, der Rest ist Bindegewebe. Doch je älter wir werden, desto geringer ist der Wassergehalt in unserem Körper. Außerdem lagert der Organismus in die Bandscheiben Stoffe wie Kalzium, Magnesium, Fluor und Phosphor ein. Die Folge ist Höhenverlust der Bandscheibe und zunehmende Versteifung, die Kerne verlieren an Spannkraft, die Bandscheiben sind nicht mehr so elastisch wie früher. Das wirkt sich auch auf die Rückenwirbel aus, deren Abstand zueinander schrumpft, die Bänder leiern aus und die Wirbelsäule verliert an Stabilität. Dadurch werden die Facettengelenke, so nennt man die kleinen Wirbelgelenke auch, stärker belastet und verschleißen ebenfalls. Es kommt zu Ergüssen und schmerzhaften Entzündungsreaktionen. Mediziner sprechen dann von Wirbelgelenksarthrose, auch Facettensyndrom genannt.

 

Ausstrahlende Rückenschmerzen

Das Facettensyndrom ist eine zunächst oft fehlgedeutete, schmerzhafte Erkrankung. „Betroffene leiden häufig unter starken Rücken- und Nackenschmerzen. Der Grund hierfür ist, dass den Facettengelenken sehr viele kleine Nerven innewohnen“, so Prof. Verheyden. „Werden die Nerven gereizt, können heftige Beschwerden die Folge sein. Doch die Symptome sind von Patient zu Patient sehr unterschiedlich, das macht eine eindeutige Diagnose anfangs schwierig.“

 

Symptome

Immerhin gibt es Hinweise, die den Verdacht nahe legen, dass es sich bei den auftretenden Beschwerden um ein Facettensyndrom handelt. Dazu gehören:

 

• tiefliegende Rückenschmerzen, die bei Belastung oder im Laufe des Tages stärker werden

 

• ein schlecht zu beschreibender, dumpfer Schmerz

 

• ein morgendliches Steifheitsgefühl in der Lendenwirbelsäule

 

• Rückenschmerzen, die in Gesäß, Lenden und Beine ausstrahlen; vor allem dann, wenn die Rückenschmerzen stärker sind als die Beinschmerzen

 

• Rückenschmerzen, die sich beim Zurücklehnen verstärken

 

• Muskelverspannungen

 

• Schmerzen beim Anheben eines Beins im Liegen

 

• Im Liegen und im Ruhezustand verbessern sich die Beschwerden in der Regel

 

Diagnose

Um den Verschleiß der Facettengelenke zu erkennen, untersucht der Arzt zunächst die Krankheitsgeschichte des Patienten. Dauern die Schmerzen bereits über einen längeren Zeitraum von etwa sechs bis zwölf Wochen an, werden für eine sichere Diagnose Computertomographie (CT), Röntgen oder Magnetresonanztomographie (MRT) eingesetzt – alles Verfahren, mit deren Hilfe sich die Wirbelknochen und Gelenke sichtbar machen lassen. Insbesondere anhand von CT- oder MRT-Aufnahmen erkennt der Arzt den Verschleiß der Wirbelgelenke.


Was hilft gegen den Schmerz?

Das Facettensyndrom ist eine Folge von Verschleißerscheinungen, die nicht vollständig rückgängig zu machen sind. Deshalb geht es bei der Therapie in erster Linie um die Linderung beziehungsweise Beseitigung der Schmerzen als eines der schwerwiegendsten Symptome. Neben Medikamenten, Schmerzpflastern, Wärmeanwendungen sowie gezielter Physiotherapie erzielen Spritzen, die direkt an die Wirbelgelenke gesetzt werden, kurzfristig den größten schmerztherapeutischen Effekt. Man spricht in diesem Fall von Facetteninfiltration oder -injektion. „Dabei wird eine Mischung aus lokalem Betäubungsmittel und Kortison durch eine winzige Kanüle direkt in oder an die schmerzenden Wirbelgelenke gespritzt“, so Prof. Verheyden. Auch Hyaluronsäure kann verwendet werden, um die Regeneration des Gelenkknorpels in den kleinen Wirbelgelenken zu unterstützen. Generell dauert die schmerzstillende Wirkung unterschiedlich lange an, im Idealfall bleibt der Patient für Monate beschwerdefrei.

 

Linderung durch Denervation

Neben diesen sogenannten konservativen Therapiemethoden gibt es auch die Möglichkeit eines operativen Eingriffs, bei dem die winzigen Nervenenden an den Facettengelenken ausgeschaltet werden. „Dabei wird eine Elektrode, ein Laser oder eine Kältesonde am Wirbelgelenk platziert und für kurze Zeit aktiviert. Die korrekte Position dieser Sonde wird über einen Röntgenbildwandler oder einen Computertomographen genau überprüft“, erläutert Prof. Verheyden. „Der Vorteil dieser Methode ist, dass der schmerzlindernde Effekt in der Regel länger, in manchen Fällen sogar Jahre anhalten kann.“

 

Operative Möglichkeiten

Zunächst muss durch die oben genannten Methoden möglichst differenziert die Schmerzursache festgestellt werden. Ist das Facettengelenk als Hauptfaktor identifiziert und durch konservative Methoden und Injektionstherapien kein längerfristiger Erfolg zu erzielen, kann in ausgewählten Fällen durch Abstandshalter zwischen den Dornfortsätzen der Wirbel – sogenannte interspinöse Spreizer – eine Entlastung der Facettengelenke erreicht werden. Eine andere Möglichkeit sind dynamische Stabilisierungssysteme, die ähnlich wie ein Stoßdämpfer wirken, aber die Beweglichkeit erhalten. In fortgeschrittenen Fällen kann durch eine Versteifung des betroffenen Bewegungssegmentes – immer so kurz und schonend wie möglich – am zuverlässigsten Schmerzfreiheit oder zumindest eine erhebliche Linderung der Beschwerden erzielt werden.

 

Verschleiß vorbeugen

Die beste Therapie allerdings bleibt eine effektive Prävention. Wer regelmäßig etwas für seinen Rücken tut, kann dem frühzeitigen Verschleiß aktiv entgegenwirken. Die wichtigsten Maßnahmen sind:

 

• Die Wirbelsäule ausreichend bewegen und nicht überlasten: Durch den Abbau von überflüssigen Pfunden, regelmäßige Bewegung, Sport und gezielte Rückengymnastik bleibt das Rückgrat stark und beweglich. Das danken besonders die Bandscheiben. Diese können Flüssigkeit nämlich nur dann aufnehmen, wenn sich der Mensch bewegt. Nur so werden sie mit genug Wasser versorgt und bleiben elastisch.

 

• Gesunde Ernährung statt Radikal-Diäten: Wer hungert, entzieht seinem Körper nicht nur Fett, sondern häufig auch wichtige Mikronährstoffe wie Kalzium und Vitamin D. Eine ausgewogene Ernährung mit viel frischem Gemüse und Bewegung an der Sonne macht den Konsum von Nahrungsergänzungsmitteln im Normalfall über- flüssig. Lediglich bei älteren Menschen – insbesondere Frauen – ist zur Vorbeugung der Osteoporose im Winterhalbjahr eine Zufuhr von Vitamin D3 zu empfehlen.

 

• Auf die richtige Haltung achten: Wer viel im Sitzen arbeitet, sollte seine Position häufig verändern, z. B. im Stehen telefonieren, oder zum Kollegen ins Nachbarbüro laufen, anstatt ihn nur anzurufen. Auch der richtige Stuhl, der sich dynamisch dem Rücken anpasst bzw. die Rückenmuskulatur aktiv fördert, ist bei einem langen Büroalltag wichtig.

 

Wie stark der körperliche Verschleiß voranschreitet, kann der Mensch nur eingeschränkt beeinflussen. Doch durch Bewegung und Sport können wir dem frühzeitigen Verschleiß der Wirbelsäule entgegenwirken.

 

Weitere Informationen zu Prof. Verheyden und der Klinik für Unfall-, Orthopädische und Wirbelsäulenchirurgie am Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim finden Sie hier.

Patientenzeitschrift Heft 14

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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