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„Die Wahrnehmung im Wartebereich ist unvollständig“

Wartezeiten, ausgelastetes Klinikpersonal und unzufriedene Patienten: Das Ansehen der Notaufnahmen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren gesunken. Dr. Bernhard Gorißen, Leiter der Zentralen Notaufnahme am Standort Ebertplatz des Ortenau Klinikums Offenburg-Gengenbach, erläutert mit einem Blick in seine Arbeit, warum dieser Bereich so kontrovers diskutiert wird und was Patienten nicht sehen.

Wartezeiten, ausgelastetes Klinikpersonal und unzufriedene Patienten: Das Ansehen der Notaufnahmen in Deutschland ist in den vergangenen Jahren gesunken.

Abbildung Dr. Bernhard Gorißen, Leiter der Zentralen Notaufnahme

In welchen Fällen sollten Patienten unbedingt in die Zentrale Notaufnahme kommen?

Patienten sollten bei bedrohlichen Symptomen, beispielsweise mit starken Brust- oder Bauchschmerzen, aber auch nach Unfällen, zum Beispiel bei Verletzungen mit Knochenbrüchen, die Notaufnahme aufsuchen. Ebenfalls direkt in die Notaufnahme kommen bewusstlose und wesensveränderte Patienten. Diese erreichen die Zentrale Notaufnahme allerdings in der Regel nicht mehr alleine, sondern nur mit Hilfe.

Nach welcher Dringlichkeit ordnen Sie Patienten ein?

Patienten werden bei uns nach dem „Emergency Severity Index“ kategorisiert. Das Spektrum dieses fünfstufigen Systems reicht von sofortiger oder  überraschender Behandlungsnotwendigkeit bis hin zu Patienten mit allgemeinen Fragen, die keine akute medizinische Behandlung benötigen. Dieses System findet in der Zentralen Notaufnahme am Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach seit Oktober 2016 Anwendung.

Worüber ärgern sich Patienten?

Unmut kann entstehen, wenn Patienten lange warten müssen. Die Wahrnehmung im Wartebereich ist aber oft unvollständig. Patienten können von dort aus nicht sehen, welche Notfälle  parallel innerhalb des Krankenhauses versorgt werden müssen. Ebenso wenig sehen sie Notfälle, die durch Krankenwagen und Hubschrauber die Notaufnahme erreichen. Im Wartebereich haben Patienten daher nur einen kleinen Einblick in die Bereiche unserer Arbeit. Diese Wahrnehmung ist aber oft der Grund für Ungeduld. Außerdem hat die Zentrale Notaufnahme selbst keine Steuerungsmöglichkeiten. Wir haben keinen Einfluss darauf, zu welchem Zeitpunkt uns wie viele Patienten erreichen. Darüber hinaus erfolgt die Behandlung von Notaufnahme-Patienten oft in Kooperation mit unterschiedlichen Fachbereichen innerhalb des Krankenhauses. Das macht Abstimmungen nötig, die ebenfalls Zeit kosten und die Reihenfolge beeinflussen können.

Sie haben ein umfassendes Behandlungsspektrum angesprochen. Wie sieht das am Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach aus?

Uns stehen 18 verschiedene medizinische Fachbereiche zur Verfügung, hinzu kommen Computer- und Kernspintomographie, Röntgen-, Labor- und Ultraschalluntersuchungen. Diese Untersuchungsoptionen setzen wir bei Bedarf und Verfügbarkeit ein. Das hat die Konsequenz, dass die Warte- und Behandlungszeit in der Notaufnahme einige Stunden dauern kann. Der Patient nimmt anschließend mit, dass er sechs Stunden in der Notaufnahme war. Er hat in dieser Zeit aber möglicherweise zwei Laborkontrollen, eine EKG-, Röntgen- und Ultraschalluntersuchung erhalten und wurde von mehreren Fachärzten untersucht. Das ist eine intensive Inanspruchnahme von Akutmedizin, die natürlich Zeit braucht. Es muss also zwischen medizinischer Behandlungszeit und reiner Wartezeit unterschieden werden.

Wie viele Patienten behandeln Sie jährlich in der zentralen Notaufnahme?

In den Notaufnahmen des Ortenau Klinikums Offenburg-Gengenbach wurden im vergangenen Jahr 52.000 Menschen behandelt.

Warum kommen Ihrer Meinung nach auch Patienten in die Zentrale Notaufnahme, die eigentlich nicht krankenhauspflichtig sind?

Das liegt an einer Verhaltensänderung, die sich innerhalb der Bevölkerung entwickelt hat. Mittlerweile kann man um drei Uhr nachts einen Kühlschrank oder einen Fernseher bestellen. Die gleiche Erwartungshaltung haben Menschen manchmal auch in Bezug auf die Notaufnahme, die frei verfügbar ist. Auch die hausärztliche Versorgung befindet sich im Wandel. Viele junge Menschen haben keinen Hausarzt mehr. Sie brauchen in aller Regel im Alltag auch keinen, weil sie gesund sind. Werden sie krank, warten sie einige Tage bis ihre Geduld am Ende und ihre Sorge so groß ist, dass sie sagen: „Ich gehe jetzt ins Krankenhaus.“ Das kann durchaus um 23 Uhr abends sein, und ohne die Auslastung der Notaufnahme zu berücksichtigen. Außerdem stellen wir fest, dass die Notaufnahme zunehmend auch dann aufgesucht wird, wenn die Patienten nicht schnell genug einen Facharzttermin beim niedergelassenen Arzt erhalten.

Was fasziniert Sie persönlich an Ihrem Beruf?

Für mich ist der Umgang mit Menschen faszinierend. Das sind  die Patienten, aber auch meine Kollegen und Mitarbeiter. Schön ist darüber hinaus, großes Vertrauen und die Dankbarkeit der Menschen zu spüren, denen wir helfen können.

Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach

Standort Offenburg Ebertplatz

Dr. Bernhard Gorißen
Ebertplatz 12
77654 Offenburg
Tel. 0781 472-6611
E-Mail: zna(at)og.ortenau-klinikum.de

Patientenzeitschrift Heft 13

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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