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Die Kinderklinik Ortenau: Zwischen Hightech-Medizin und Einfühlungsvermögen

Ein Team aus kompetenten Ärzten und Pflegekräften, neueste medizinische Geräte und höchste Qualitätsansprüche: Die Kinderklinik am Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach ist eine ganz normale Fachklinik – und doch etwas ganz Besonderes. Maßgeblich sind nicht die bunten Wände oder das Spielzimmer, sondern die kleinen Patienten.

Das "Kangarooing" gibt Neugeborenen Wärme und Geborgenheit.

„,Das Kind‘ an sich gibt es nicht“, erklärt Chefarzt Dr. Stefan Stuhrmann, Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin mit den Schwerpunkten Kinderkardiologie und Neonatologie. „Wir haben Neugeborene aus der 24. Schwangerschaftswoche von 500 Gramm und unsere Ältesten sind 17 Jahre alt und wiegen 130 Kilo. Es ist sehr wichtig, sich auf jeden Patienten und dessen Eltern genau einzustellen.“ Daher ist in der Kinderklinik neben herausragender medizinischer Kompetenz auch besonderes Feingefühl gefragt.

Die Frühchenstation

Schon beim ersten Blick auf die Intensivstation wird klar, wie klein die Patienten der Kinderklinik sein können. Dr. Moritz Rohrbach, Leitender Oberarzt, öffnet eine der Zimmertüren: Kleine Bettchen in Brutkästen kommen zum Vorschein, liebevoll mit bunten Decken abgedunkelt und zugleich an eine Reihe technischer Geräte angeschlossen. Sämtliche Parameter der Kleinsten und ihrer Umgebung, etwa Luftfeuchtigkeit oder Temperatur, werden ständig überwacht. „Wir erfüllen die Anforderungen eines Perinatalzentrums Level 1, das heißt, wir können Frühgeborene ab Beginn der Lebensfähigkeit – oder an der Grenze zur Lebensfähigkeit – behandeln“, legt der Facharzt für Kinderheilkunde und Jugendmedizin mit Schwerpunkt Neonatologie dar. „Sie bedürfen einer ganz besonderen Behandlungsqualität.“ Dazu gehört zum Beispiel die Wand-an-Wand-Lösung des Mutter-Kind-Zentrums: Das Erstversorgungszimmer für Neugeborene grenzt direkt an die Geburtshilfe. Durch ein Fenster in der Zugangstür können die Ärzte in den Operationssaal blicken, in dem gerade ein Kaiserschnitt durchgeführt wird. Eine weitere Tür führt direkt auf die Station der Geburtshilfe. „Von diesen kurzen Wegen profitieren auch die reifen Neugeborenen, wenn bei der Geburt Komplikationen auftreten. Wir sind dann sofort zur Stelle“, versichert Dr. Rohrbach.

Diese Situation hat die Mutter des kleinen Kai* zum Glück hinter sich. Friedlich sitzt sie in einem der Zimmer am Fenster in einem Liegestuhl. Ihr Baby liegt auf ihrer Brust und spürt die Wärme und Geborgenheit seiner Mutter. Diese Position wird „Kangarooing“ genannt. „An die Versorgung der Frühchen werden die Eltern langsam herangeführt. Da ist am Anfang viel Scheu dabei, denn es sind natürlich noch ganz zerbrechliche Wesen“, berichtet Chefarzt Dr. Stuhrmann. „Meist fangen wir mit dem Kangarooing an. Später werden die Eltern zum Beispiel auch ins Wickeln einbezogen – so viel, wie sie es möchten.“

Individuelle Betreuung von früh bis spät

Besuchszeiten für die Eltern sind in der Kinderklinik nicht vorgegeben – genauso wenig wie feste Ruhezeiten. Zwar gibt es einige geregelte Strukturen, diese werden jedoch individuell an jeden Patienten angepasst. Das beginnt bereits beim Wecken, das sich insbesondere auf der Intensivstation nach der Verfassung der Kinder richtet. „Wir versuchen, uns sehr stark an den Patienten zu orientieren. Man kann beispielsweise nicht zu jeder Zeit an ein frühgeborenes Kind herantreten, das gerade einmal 500 oder 600 Gramm wiegt“, erklärt Dr. Stuhrmann. „Hier ist es sehr wichtig, sich gut mit den Pflegekräften abzustimmen und die Kleinen zu ihren festen Versorgungszeiten zu untersuchen – abgesehen von Notfällen natürlich.“

Die Bedürfnisse der Patienten stehen auch auf der Normalstation im absoluten Mittelpunkt. „Ungefähr um 7.30 Uhr fangen wir an, Frühstück zu verteilen und ein bisschen lauter zu werden“, berichtet Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin Anne-Kathrin Danner. Mittagessen gibt es um 11.30 Uhr.„Unsere Küche ist sehr kreativ und flexibel“, freut sich die stellvertretende Stationsleiterin: „Neben drei Menüs, die es im Haupthaus auch gibt, bieten wir ein wechselndes Kindermenü und ein paar zusätzliche Gerichte extra für Kinder an, wie beispielweise Spaghetti mit Tomatensoße.“ Das Abendessen wird zwischen 16.30 Uhr und 17 Uhr verteilt.

Die Visiten beginnen zwischen 7.45 Uhr und 8 Uhr, wie Dr. Stuhrmann berichtet: „Die Ärzte gehen herum und untersuchen die Patienten, sprechen mit den Eltern und machen schon erste Entlassungen.“ Die durchschnittliche Verweildauer liege bei viereinhalb Tagen. „Bei Frühgeborenen
kann es aber auch vorkommen, dass sie drei bis vier Monate im Krankenhaus bleiben. Zu den Eltern bekommt man ein ganz besonderes Verhältnis, denn man macht vieles gemeinsam durch“, schildert er.

Abwechslung im Klinikalltag

Für die umfassende Betreuung sind nicht nur die Eltern, sondern auch die Kinder dankbar. Ihre Freude drücken sie in farbenfrohen Bildern aus, die eine Wand der Station schmücken – genau neben der Tür zum Spielzimmer, in dem zwei Erzieherinnen für sie da sind. Außerdem sorgt die evangelische Krankenhausbibliothek für Abwechslung im Klinikalltag. „Natürlich haben wir auch einen Klinik-Clown, der Kinder und Eltern regelmäßig zum Lachen bringt. Finanziert wird ‚Stups‘ vom Förderverein für die Kinderklinik“, berichtet Dr. Stuhrmann. „Vielen ist außerdem das Thema Schule wichtig. Wir können in sechs großen Fächern Unterricht anbieten, in allen Altersgruppen und Schulformen, und auch Klausuren schreiben. Die Patienten sind davon nicht immer so ganz begeistert, die Eltern schon“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Viel Unterstützung für Eltern und Kind

Zwischenzeitlich wird Dr. Stuhrmann zu einem Notfall gerufen – ein Kind erleidet einen Krampfanfall. Ihm kann schnell geholfen werden. „Dass solche Situationen hier in der Kinderklinik vorkommen, ist vielen Außenstehenden nicht bewusst“, berichtet der Chefarzt. In schwierigen Phasen steht den Eltern eine Krankenhauspsychologin zur Seite. „Sie ist insbesondere für die Frühgeborenen-Station da. Aber wir haben auch immer mehr Krankheitsbilder bei älteren Kindern, die einen psychischen Hintergrund haben“, so Dr. Stuhrmann. Daher sei es immens wichtig, ein stabiles Vertrauensverhältnis aufzubauen. „Jeder tickt anders und jeder hat andere Bedürfnisse – das ist in der Erwachsenenmedizin genauso“, weiß er. Eine besondere Herausforderung sei es, sich auf das Niveau verschiedener Altersgruppen zu begeben, damit sich die Patienten öffnen können.

Je nach Alter kann sich die Kommunikation schwierig gestalten. „Eine klassische Sache bei Kleinkindern ist, dass sie immer, wenn es ihnen schlecht geht, sagen, dass der Bauch wehtut“, berichtet Dr. Rohrbach. „Dann muss man als Arzt eben durch verschiedene Untersuchungen herausfinden, wo genau das Problem liegt.“ Denn in der Kinderklinik werden verschiedenste Krankheiten behandelt – genau wie auf einer Erwachsenen-Station. Dabei legen die Ärzte sehr großen Wert auf einen offenen Umgang mit ihren Patienten. „Entscheidend ist, dass man mit den Kindern ehrlich spricht und ihnen sagt, was auf sie zukommt“, betont der Leitende Oberarzt.

Wichtig für die gesamte Region

Für den Ortenaukreis ist die Kinderklinik in Offenburg besonders bedeutsam. Neben einem Neugeborenenabholdienst, der 24 Stunden am Tag bereitsteht, bietet sie eine Diabetes-Ambulanz. „Wichtig ist außerdem die  Kinderschutzambulanz“, berichtet Dr. Stuhrmann, der dort Ärztlicher Leiter ist. Die Mitarbeiter begleiten und betreuen Familien in schwierigen Situationen. „Nimmt man die Kinderklinik in Offenburg heraus, bleiben beispielsweise die Kliniken in Freiburg und Karlsruhe. Von Wolfach aus wäre man dorthin eine Weile unterwegs“, führt er an. „Es gibt aber Situationen, in denen man eine Stunde Fahrt nicht in Kauf nehmen kann. Deswegen sind wir hier gut und wichtig angesiedelt.“

Arbeiten in der Kinderklinik

Darin, den für sie richtigen Beruf gewählt zu haben, sind sich Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, Oberarzt und Chefarzt einig. „Besonders schön ist es, wenn man schwer erkrankte Kinder oder Frühgeborene erfolgreich behandeln und sie gesund nach Hause schicken kann“, erklärt Dr. Rohrbach und Anne-Kathrin Danner ergänzt: „Die Kinder geben einem unglaublich viel zurück.“ Dennoch gibt es in der Kinderklinik auch traurige Momente, wie Dr. Stuhrmann aus Erfahrung weiß: „Es sterben auch Kinder. Man muss positiv an die Sache rangehen, sonst kann man hier nicht jeden Tag hinkommen“, betont er. „Unser Leben ist das, was unser Denken daraus macht.“

Was bringt die Zukunft?

Für seine  Kinderklinik wünscht sich Dr. Stuhrmann vor allem eines: mehr Platz. „Die Räumlichkeiten sind damals ein bisschen eng konzipiert worden – wahrscheinlich auch vor dem Hintergrund der rückläufigen Geburtenraten. In den letzten zwei, drei Jahren hat sich der Trend aber in die andere Richtung bewegt.  Letztes Jahr hatten wir hier 2.100 Geburten“, freut er sich.

Ihre Fachklinik vor Ort

Kinderklinik Ortenau
Klinik für Kinderheilkunde und Jugendmedizin

Standort Offenburg Ebertplatz
Dr. Stefan Stuhrmann
Ebertplatz 12
77654 Offenburg
Tel. 0781 472-2301
E-Mail: kinderheilkunde(at)og.ortenau-klinikum.de

Patientenzeitschrift Heft 13

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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