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Schlaganfall – Wenn jede Sekunde zählt

Schlaganfall und Herzinfarkt haben eines gemeinsam: Sie werden durch eine Durchblutungsstörung ausgelöst. Beim Schlaganfall werden einzelne Bereiche des Gehirns nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Da die Hirnzellen nicht mehr genug Sauerstoff und Nährstoffe erhalten, drohen sie abzusterben. Jetzt zählt jede Sekunde. Denn je länger das Gehirn ohne Sauerstoff ist, desto schwerwiegender sind die Folgen für die Betroffenen.

©Gunnar Assmy - Fotolia.com

Akuter Notfall

Ein Schlaganfall kann jeden treffen. In Deutschland erleiden pro Jahr etwa 260.000 Menschen erstmals einen Hirninfarkt, so der medizinische Fachausdruck. Nach Angaben der World Health Organization (WHO) sind Schlaganfälle bei den über 60-Jährigen weltweit die zweithäufigste Todesursache. Wer überlebt, kann von den Folgen der Krankheit schwer gezeichnet sein: Lähmungserscheinungen, Sehstörungen und Sprachstörungen sind einige der möglichen Konsequenzen. Hirninfarkte sind der häufigste Grund für Behinderungen im Erwachsenenalter. Manche Patienten bleiben ein Leben lang ein Pflegefall. „Deshalb sollte sich jeder bewusst machen: Ein Schlaganfall ist ein akuter Notfall, bei dem jede Sekunde zählt“, sagt Prof. Dr. Volker Schuchardt, Chefarzt und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie, spezielle neurologische Intensivmedizin und Elektroenzephalografieam Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim. „Entscheidend bei der wirkungsvollen Behandlung sind deshalb regionale Schlaganfallschwerpunkte“, so Prof. Schuchardt. „Nur sie gewährleisten schnellstmögliche Hilfe durch Spezialisten.“

Regionale Schwerpunkte

Am Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim gibt es bereits seit 1998 den regionalen Schlaganfallschwerpunkt Lahr: Eine Schlaganfall-Spezialstation (Stroke Unit) mit vier Betten, in der Patienten unmittelbar und fachlich kompetent behandelt werden. An der Klinik für Neurologie des Ortenau Klinikums Offenburg-Gengenbach befindet sich ebenfalls eine als regionale Schlaganfalleinheit ausgewiesen Schlaganfallstation mit sechs Spezial-Betten. Auch hier ist eine effiziente und sofortige Behandlung für Schlaganfallpatienten garantiert. Je früher die Behandlung erfolgt, desto besser sind die Heilungsaussichten, ganz nach dem Motto „Zeit ist Gehirn“.

Lähmungserscheinungen

Doch warum ist eine schnelle Behandlung so wichtig? Auslöser eines sogenannten Hirninfarkts sind verstopfte Blutgefäße oder eine Blutung. In beiden Fällen wird das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt. Je länger der Patient medizinisch unversorgt bleibt, desto größer ist die Schädigung des Gehirns. Die besten Therapiechancen erzielen Mediziner deshalb innerhalb von drei Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome, die allerdings nicht immer leicht zu deuten sind. „Zu den häufigsten Anzeichen zählen Lähmungserscheinungen, insbesondere eine halbseitige Lähmung, z.B. des rechten Armes und rechten Beines“, so Priv.-Doz. Dr. Carsten Wessig, Chefarzt und Facharzt für Neurologie und Spezielle Neurologische Intensivmedizin am Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach. „Oft besteht auch eine Gesichtslähmung, die sich durch ein schiefes Grinsen und Sprechprobleme bemerkbar machen kann.“ (siehe hierzu auch unser Infokasten „Warnzeichen richtig deuten“)

Anzeichen

Je nach betroffenem Bereich des Gehirns und der Schwere des Schlaganfalls können die Symptome unterschiedlich ausfallen – von einem tauben, pelzigen Gefühl in den Fingerspitzen bis hin zu schwerwiegenden Gesichtslähmungen, die es dem Betroffenen unmöglich machen, klar zu artikulieren. Bei allen diesen Anzeichen sollte sofort die Notrufnummer 112 gewählt werden. Denn auch wenn die Symptome möglicherweise wieder verschwinden, können sie Vorbote für einen späteren, lebensbedrohlichen Schlaganfall sein. „Grundsätzlich sollte alles, was auf einen Schlaganfall hindeutet, sehr ernst genommen werden“, so Prof. Schuchardt. „Wie ernst der Zwischenfall ist, kann in einer Klinik mit Stroke Unit bestmöglich geklärt werden.“

Folgeschäden verringern

Dank der Behandlung auf einer spezialisierten Schlaganfallstation lässt sich auch das Ausmaß der Folgeschäden oft deutlich verringern. Im Team einer Stroke Unit befinden sich Neurologen ebenso wie Internisten, Neuroradiologen und erfahrene Pflegekräfte – also unterschiedlichsten Spezialisten, die miteinander kooperieren. „Die Schlaganfall-Patienten werden dort während der Akutphase intensiv klinisch und apparativ überwacht“, erläutert Dr. Wessig. Nach ein bis drei Tagen erfolgt meist die Verlegung auf eine Weiterbehandlungsstation, nach einer Woche in die Rehabilitationsklinik. Die Frührehabilitation beginnt bereits auf der Schlaganfallstation, sie wird auf der Normalstation und in der Rehabilitationsklinik durch geschulte Krankengymnasten, Ergotherapeuten und Logopäden fortgesetzt.

 

Wir befragten Mario Leisle, Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Hilfe, bei der Patienten, Angehörige und Laien Informationen und Beratung erhalten

Herr Leisle, was ist das Ziel der Deutschen Schlaganfall-Hilfe?
Die Deutsche Schlaganfall-Hilfe setzt sich seit ihrer Gründung durch Liz Mohn vor 20 Jahren konsequent für die Aufklärung der Bevölkerung ein, für Beratung von Betroffenen und deren Familien sowie für eine Verbesserung der Schlaganfall-Versorgung. Durch die Aufklärungsarbeit der Stiftung wissen immer mehr Menschen, dass jeder Schlaganfall ein Notfall ist: Patienten kommen deshalb heute bei Schlaganfall-Verdacht viel früher in eine Klinik als noch vor wenigen Jahren – immer weniger Menschen sterben an einem Schlaganfall.

Wie sieht Ihre Zusammenarbeit mit der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft aus?
Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft hat gemeinsam mit uns und der professionellen Zertifizierungseinrichtung LGA InterCert bundesweit bis heute 233 sogenannte Stroke Units, also Schlaganfall-Spezialstationen, zertifiziert. In internationalen Studien wurde erwiesen, dass durch Behandlung in diesen Einrichtungen Patienten eine deutlich höhere Überlebenschance haben und weniger bleibende Behinderungen davontragen. Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft ist als medizinische Fachgesellschaft verantwortlich für den wissenschaftlichen Teil: Sie verbreitet aktuelle Erkenntnisse aus der Schlaganfall-Forschung, hat mit der Stiftung das Konzept der Zertifzierung erstellt und entwickelt dieses stetig weiter, um Betroffene besser versorgen zu können.

Wie profitieren Patienten von Ihren Aktivitäten?
Patienten profitieren auf viele Arten durch die Aktivitäten. Neben den Stroke Units fördert die Deutsche Schlaganfall-Hilfe ein Selbsthilfe-Netzwerk mit insgesamt rund 480 Gruppen in Deutschland. Hier finden Patienten ein offenes Ohr und erhalten viele wichtige Informationen. Im Online-Portal www.Schlaganfall-Hilfe.de erfahren Patienten und Angehörige alles Wissenswerte über den Schlaganfall. In vielen Regionen hat die Schlaganfall-Hilfe auch Partnerbüros und Regionalbeauftragte, häufig Chef- oder Oberärzte an Akut- und Rehakliniken; so auch am Ortenau Klinikum Lahr.

Deutsche Schlaganfall-Hilfe
Service- und Beratungszentrum
Carl-Miele-Straße 210
33311 Gütersloh
Tel. 05241 97700 (Mo bis Do 9–17 Uhr, Fr 9–14 Uhr)
E-Mail: info@schlaganfall-hilfe.de
www.schlaganfall-hilfe.de
www.schlaganfall.de

Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft
Reinhardtstr. 27C
10117 Berlin
E-Mail: info@dsg-berlin.org
www.dsg-berlin.org

 

Fragen an Prof. Dr. Volker Schuchardt, Chefarzt der Neurologischen Klinik Lahr am Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim, und Priv.-Doz. Dr. Carsten Wessig, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach

Herr Prof. Dr. Schuchardt, was zeichnet einen Schlaganfall-Schwerpunkt aus?

Bei den Stroke Units in Lahr-Ettenheim und Offenburg-Gengenbach handelt sich um hochspezialisierte Abteilungen, in denen Fachleute verschiedener medizinischer Bereiche interdisziplinär zusammenarbeiten. Alle Mitarbeiter  sind für ihre Aufgabe besonders ausgebildet. Die Vitalzeichen der Patienten werden – ähnlich wie auf einer Intensivstation – rund um die Uhr überwacht. Wir wissen also immer genau: Stimmen die Sauerstoffwerte? Ist die Temperatur normal? Im Notfall können wir sofort reagieren. Durch all diese Faktoren ist es uns möglich, Diagnosen innerhalb kürzester Zeit zu stellen und dann so rasch wie möglich mit einer Therapie zu beginnen. Auch notwendige Reha-Maßnahmen sind zeitnah möglich.

Herr Dr. Wessig, wann sollte ein Betroffener eine Schlaganfallstation aufsuchen und was geschieht dort?

Grundsätzlich sollte jeder Verdacht auf einen Schlaganfall ernst genommen werden. Denn neben der akuten Hilfe bei einem bereits erfolgten Schlaganfall ist es unsere Hauptaufgabe, Vorzeichen zu erkennen und richtig zu behandeln, so dass es am besten gar nicht zum Schlaganfall kommt. Wenn Patienten zu uns kommen, fragen wir die Vorgeschichte der Erkrankung ab, im Anschluss daran werden die Patienten neurologisch untersucht. Weiterführende Untersuchungen sind Computertomographien und Ultraschall-Untersuchungen der hirnversorgenden Schlagadern. Wird ein Patient sehr frühzeitig eingeliefert, kann manchmal mittels einer sogenannten Lyse das Blutgerinnsel, welches das Gefäß verstopft, aufgelöst werden. In günstigen Fällen kommt es zu einer vollständigen Rückbildung der Symptome, so dass keine anschließende Reha notwendig ist.

Warnzeichen richtig deuten

Bemerken Sie bei einer anderen Person Anzeichen, die auf einen Schlaganfall hindeuten, tun Sie Folgendes (FAST-Test, face-arm-speech-time):

  • Face – Gesicht: Fordern Sie den Betroffenen zum Lächeln auf. Grinst er/sie schief und/oder schneidet eine Art Grimasse, ist dies ein Warnzeichen.
  • Arm: Sagen Sie der Person, sie soll die Arme hochhalten. Kann ein Arm nicht gehalten werden, kann dies ein Symptom für einen Schlaganfall sein.
  • Speech – Sprache: Bitten Sie die Person, ihren Namen zu nennen oder einen einfachen Satz zu sagen. Kommen die Worte nur unartikuliert oder kann die Person gar nicht sprechen ist dies ebenfalls ein Hinweis.
  • Time – Zeit: Treten solche Symptome auf, heißt es schnell reagieren: Unter der Notrufnummer 112 erhalten Sie sofortige Hilfe. Sprechen Sie auf jeden Fall an, dass der Verdacht auf einen Schlaganfall vorliegt. Wichtig: Auf keinen Fall sollten Sie dem Betroffenen etwas zu essen oder zu trinken geben. Denn oft führt der Schlaganfall zu Schluckproblemen. Dann können Flüssigkeiten oder Nahrung in die Lunge gelangen, was ernsthafte Komplikationen zur Folge haben kann.


Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim
Prof. Dr. Volker Schuchardt
Klostenstraße 19
77933 Lahr
Tel. 07821 93-2701
E-Mail: neurologie.lah@ortenau-klinikum.de

 

Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach
Priv.-Doz. Dr. Carsten Wessig
Ebertplatz 12
77654 Offenburg
Tel. 0781 472-2701
E-Mail: neurologie.og@ortenau-klinikum.de

Patientenzeitschrift Heft 15

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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