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Medizin und Gesundheit | Archiv Archivierte Mitteilung

Ihr Sommer der inneren Balance - Mit Achtsamkeit und Meditation zu mehr Gelassenheit

Telefonate führen, E-Mails beantworten, nebenbei ein Häppchen essen und in Gedanken schon wieder ganz woanders sein: Wir leben in einer Welt der Gleichzeitigkeit. Überall und in jedem Moment sind wir Adressat unzähliger Informationen und Anreize – der moderne Mensch muss ein wahrer „Multitasker“ sein. Doch Multitasking, also die Fähigkeit, mehrere Tätigkeiten zur gleichen Zeit durchzuführen, ist eine der Ursachen für hohe Stressbelastung.

(c)Tatyana Gladskih - Fotolia.com

Stress ist nicht gleich Burnout
„Bewegt sich die Arbeitslast regelmäßig am Limit, drohen gesundheitliche Konsequenzen wie etwa der vielzitierte Burnout“, so Dr. med. Dr. phil. Reinhard Niemann, Chefarzt Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in der St. Josefsklinik in Offenburg und am Klinikum in Lahr. Glaubt man aktuellen Studien und Medienberichten, ist Burnout (die permanente Erschöpfungsdepression) längst zu einem Massenphänomen geworden. Doch Dr. Niemann relativiert: „Burnout ist die Konsequenz einer meist langjährigen und hohen Stressbelastung. Stress, Termin und Leistungsdruck führen aber nicht zwangsläufig zu dem sprichwörtlichen Ausbrennen.“

Distress und Eustress
Mediziner definieren Stress als einen Zustand der Alarmbereitschaft für den Organismus: Der Körper stellt sich auf eine erhöhte Leistung ein. Tatsächlich gibt es zwei Arten von Stress: den belastenden Distress, der die Stimmung drückt und das Denken lähmt, und den positiv wirkenden, leistungsfördernden Eustress, der das Immunsystem stimuliert und die Ausschüttung des Glückshormons Endorphin bewirkt. „Entscheidend ist also auch, ob der Betroffene die jeweiligen Stress-Reize als positiv-herausfordernd oder negativbelastend bewertet“, konkretisiert Dr. Niemann.

Ausgleichsstrategien
Damit aus einer temporären Stressbelastung erst gar kein chronisches Leiden wird, sollten schon bei ersten Anzeichen individuelle Techniken entwickelt werden, die eine vernünftige Balance aus Anspannung und Entspannung bewirken. „Jeder von uns kann Ausgleichsstrategien entwickeln, um seine persönliche, innere Balance zu finden“, so Dr. Niemann. Dazu gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Möglichkeiten, deren Wirksamkeit auch wissenschaftlich erwiesen ist. Seien es Yoga oder Übungen zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion: Alle diese Methoden haben das Ziel, Körper und Seele zur Ruhe kommen zu lassen.

Wappnen für Herausforderungen
Ein regelmäßiger Zustand der inneren Einkehr hat eine Vielzahl positiver Effekte, von der Lockerung der Muskeln bis hin zur Regulation der Herzfrequenz. Deshalb kommen derlei Techniken häufig auch in der Krankenbehandlung zum Einsatz. „Regelmäßige Meditations- oder Achtsamkeitsübungen wirken sich wie ein Training auf die stressverarbeitenden Areale unseres Gehirns aus“, erklärt Dr. Niemann. Das Resultat: Wer sich mit den richtigen Techniken erfolgreich zu entspannen weiß, behält in stressigen Situationen einen kühlen Kopf und gerät folglich gar nicht erst in Gefahr, einen Burnout zu erleiden. Denn Stress ist ein reversibler Prozess, der minimiert oder sogar neutralisiert werden kann.

Achtsamkeit
Zu den Techniken, die dies ermöglichen, zählt das Prinzip der Achtsamkeit. Achtsamkeit bedeutet, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – nämlich den Augenblick. Der Geist soll sich von Ängsten, Sorgen, Unsicherheiten und Erwartungen lossagen und von einem Tun-Modus in einen Sein-Modus übergehen. Ziel von achtsamkeitsbasierten Übungen ist es, die eigene, innere Stille wieder erlebbar zu machen. „Unser Gehirn ist darauf programmiert, laufend verschiedenste Reize wahrzunehmen, einzuordnen und zu beurteilen“, führt Dr. Niemann aus. In Indien nennt man die Tatsache, dass unser Verstand nur schwerlich aufhören kann, neue Gedanken zu produzieren, sehr treffend „Affengeschnatter“.

Mittel gegen das „Affengeschnatter“
Doch wenn sich unser Denken nur um Zukünftiges, Vergangenes oder Nebensächliches dreht, kann der Augenblick nicht aktiv erlebt werden. Ein wichtiger Schritt in Richtung Achtsamkeit ist es deshalb, quälende Gedanken verstummen zu lassen, sich dem Jetzt zuzuwenden und eine entspannende, innere Stille im Kopf zuzulassen. Warum nutzen Sie die nächsten Monate nicht, um mehr Achtsamkeit in Ihr Leben zu bringen und zu Ihrem ganz persönlichen Sommer der inneren Balance zu finden? Nachfolgend erläutern wir dazu einige einfach auszuführende Übungen.

Meditation macht gelassener und gesünder, und glücklicherweise müssen Sie kein buddhistischer Mönch sein, um die positive Wirkung der inneren Einkehr zu bemerken. Wichtig ist nicht, wie lange Sie meditieren, sondern wie regelmäßig. Dabei steht der Begriff Meditation für einen Zustand ebenso wie für die vielen Wege, mit denen man Gelassenheit erreicht. Dazu zählen stille Formen der Einkehr wie das im Buddhismus beheimatete Zen oder die christliche Kontemplation. Meditative Übungen, bei denen Sie sich bewegen, sind etwa das chinesische Tai Chi und das aus Indien stammende Übungssystem des Yoga mit seinen unterschiedlichen Sitz- und Körperhaltungen. Welche Methode für Sie die Richtige ist, können nur Sie alleine entscheiden. Lassen Sie sich dabei jedoch auf keinen Fall von Ideologien vereinnahmen oder beeinflussen. Eine gute Anlaufstelle zum Prüfen und Erlernen unterschiedlicher Mediationstechniken sind die Volkshochschulen.

Achtsames Gehen. Eine einfache Achtsamkeitsübung zum Einstieg ist Achtsames Gehen. Gerade Gehen ist eine alltägliche Handlung, die in der Regel völlig unbewusst stattfindet. Suchen Sie sich dazu einen Ort, an dem Sie ungestört sind, etwa Garten, Wald oder Park. Fangen Sie langsam und ohne ein bestimmtes Ziel an zu gehen, und richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Füße und den Takt von deren Bewegung. Spüren Sie, wie Sie bei jedem Schritt das Gewicht verlagern und werden Sie zum inneren Beobachter Ihres Selbst. Für den Einstieg sollten Sie diese Übung zehn Minuten ausführen. Schon nach kurzer Zeit werden Sie feststellen, wie Ihre Gedanken zur Ruhe kommen.

Achtsames Atmen. Begeben Sie sich für diese Übung an einen ruhigen Ort
und nehmen Sie eine bequeme Position im Liegen oder Sitzen ein. Schließen Sie die Augen und lauschen Sie dem Rhythmus Ihrer Atmung. Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihre Bauchdecke, die sich mit jedem Ein- und Ausatmen hebt und senkt. Zählen Sie Ihre Atemzüge von eins bis zehn, dann beginnen Sie erneut. Sollten sich Ihre Gedanken verselbstständigen oder Sie die aktuelle Zahl vergessen, ärgern Sie sich nicht, sondern lenken Sie Ihre Konzentration wieder sanft auf die Atmung. Auch diese Übung sollten Sie etwa zehn Minuten ausführen.

Momentaufnahme. Halten Sie jeden Tag mehrmals inne und fragen Sie sich, wie Sie sich in diesem Moment fühlen. Welche Gedanken denken Sie jetzt gerade? Spüren Sie innere Unruhe oder Entspannung? Freude oder Ärger? Sinn dieser einfachen Übung ist es, die jeweilige Situation so wahrzunehmen und zu akzeptieren wie sie ist, und unabhängig von allen Einflüssen einen Moment Ruhe zu gewinnen.


Interview
Fragen an Dr. Dr. Reinhard Niemann, Chefarzt Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in der St. Josefsklinik in Offenburg und am Klinikum in Lahr, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Psychoanalyse, Innere Medizin.


Herr Dr. Niemann, viele Menschen begegnen Meditation und Achtsamkeit noch immer mit Skepsis.
Dr. Niemann: „Die positiven Wirkungen einer regelmäßigen, inneren Einkehr sind inzwischen auch wissenschaftlich erwiesen – und sie haben einen sehr realen Zweck, nämlich den  Menschen im Alltag mehr Zufriedenheit und innere Ruhe zu geben. Schon kurze Meditations-Übungen können zudem die Aufmerksamkeit und das Konzentrationsvermögen stärken.“
Stichwort Burnout: Woran merken Betroffene, dass sie tatsächlich von einer Erschöpfungsdepression befallen sind?
Dr. Niemann: „Die Symptome eines Burnouts können individuell sehr unterschiedlich sein, dazu zählen stark verminderte Leistungsfähigkeit und eine anhaltende, emotionale Erschöpfung mit Antriebslosigkeit, aber auch Müdigkeit oder umgekehrt Schlaflosigkeit. Wer merkt, dass er ohne fremde Hilfe nicht mehr aus dem Stimmungstief kommt, sollte in jedem Fall professionellen Beistand in Anspruch nehmen. Der erste Schritt hierzu ist ein ambulantes Vorgespräch mit Einweisung durch den behandelnden Haus- oder Facharzt. Am Anfang einer jeden Therapie muss dabei immer das Eingeständnis des Betroffenen stehen, dass er Hilfe braucht – und diese auch akzeptiert. Durch die Therapie erhalten Betroffene in erster Linie Konzepte und Strategien, die dabei helfen, eigene Ressourcen zur Stressbewältigung zu aktivieren.“

Welche Leistungsschwerpunkte bieten Sie in Ihrer Fachklinik?
Dr. Niemann:„Wir bieten Hilfe für Menschen mit stationär behandlungsbedürftigen psychosomatischen Störungsbildern. Dazu zählen somatoforme Störungen, also körperliche Beschwerden, die sich nicht hinreichend auf eine organische Erkrankung zurückführen lassen, aber natürlich auch seelische Erkrankungen wie Ess-Störungen, Phobien, Zwänge, depressive Störungen und somatopsychische Erkrankungen, beispielsweise bei Diabetes mellitus, chronischen und malignen Erkrankungen. Unsere Behandlungsverfahren umfassen tiefenpsychologische und analytische Gruppen- und Einzeltherapie Verhaltenstherapie, Gestaltungstherapie, konzentrative Bewegungstherapie oder auch Entspannungsverfahren. Alle diese Ansätze haben ein Ziel, nämlich das Leben der Betroffenen wieder ins Gleichgewicht zu bringen.“

Dr. med. Dr. phil. Reinhard Niemann

Chefarzt Psychomatische Medizin und Psychotherapie

Ortenau Klinikum Offenburg St. Josefsklinik

 

Kontakt

Ortenau Klinikum Offenburg-Gengenbach

Psychosomatische Medizin und Psychotherapie


Patientenzeitschrift Heft 16

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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