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Medizin und Gesundheit | Archiv Archivierte Mitteilung

Frühe Diagnose bei Bauchspeicheldrüsenkrebs entscheidend

So selten Bauchspeicheldrüsenkrebs vorkommt, so tückisch ist er. Apple-Gründer Steve Jobs und Schauspieler Patrick Swayze gehören zu seinen prominentesten Opfern. Jährlich erkranken in Deutschland etwa 12.000 Männer und Frauen am Pankreaskarzinom – meist ältere Menschen ab 60 Jahren. Oft ist der Krebs zu diesem Zeitpunkt schon in einem kritischen, kaum mehr heilbaren Stadium.

Hormone und Verdauung im Griff
Die Bauchspeicheldrüse ist circa 15 Zentimeter lang und wiegt zwischen 60 und 80 Gramm. Sie liegt in der Mitte der oberen Bauchhöhle, eingebettet zwischen Milz, Leber und einer Schleife des Zwölffingerdarms. Dort erfüllt sie sie lebenswichtige Funktionen: In den winzigen, sogenannten Pankreasinseln werden die Hormone Insulin und Glukagon gebildet, die maßgeblich den Zuckerhaushalt im Blut steuern. Außerdem produziert sie jeden Tag eineinhalb Liter Pankreassaft, den sie an den Zwölffingerdarm weiterleitet. Dort spalten die im Saft enthaltenen Enzyme Eiweiße, Kohlenhydrate und Fette auf, damit die Nährstoffe ins Blut aufgenommen werden können.

Frühe Diagnose entscheidend
„Bauchspeicheldrüsenkrebs wäre öfter heilbar, würde er in einem früheren Stadium diagnostiziert“ so Dr. Werner Lindemann, Chefarzt der Klinik für Viszeral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie am Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim und Leiter des Pankreaskarzinomzentrums Lahr. „Denn das Pankreaskarzinom neigt zur Metastasenbildung. In einem fortgeschrittenen Stadium findet man in Leber, Lunge und den Knochen oft Tochtergeschwülste.“ Einem Verdachtsfall kann mit modernen medizinischen Untersuchungsverfahren nachgegangen werden: Mit bildgebenden Verfahren wie Ultraschall, Computer- und Kernspintomografie sowie Endoskopie, also der Spiegelung von Magen, Zwölffingerdarm, Bauchspeicheldrüsen- und Gallengang. So erkennt der Arzt im Fall eines Tumors dessen Sitz und mögliche Metastasen im Bauchraum.

Pankreaskarzinomzentrum
In Deutschland gibt es nur ein gutes Dutzend Pankreaskarzinomzentren, die die hohen Anforderungen der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) zur Behandlung von Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs erfüllen. Eines dieser Zentren ist das Pankreaskarzinomzentrum am Ortenau Klinikum Lahr-Ettenheim, nach Stuttgart die zweite derartige Einrichtung in Baden-Württemberg, die sich „Pankreaskarzinomzentrum mit Empfehlung der Deutschen Krebsgesellschaft“ nennen darf. „Diese Zertifizierung garantiert ein Höchstmaß an medizinischen Standards und eine Behandlung auf internationalem Niveau“, so Dr. Lindemann. Umfassende Erfahrungen und eine hohe Anzahl von behandelten Patienten müssen für die Zertifizierung nachgewiesen werden. Ebenso wichtig: Die fachliche Qualifikation der behandelnden Ärzte, die apparative Ausstattung und natürlich die Ergebnis-Qualität der medizinischen Versorgung, die beispielsweise anhand von Komplikationsraten und Langzeitüberlebensraten geprüft wird.

Das richtige Verfahren
Abhängig vom Stadium des Tumors und dem gesundheitlichen Zustand des Patienten entscheiden im Pankreaskarzinomzentrum Fachärzte über die geeignete Behandlung. „Dabei spielen die genaue Lage des Tumors, der Gesundheitszustand des Patienten und eventuelle Metastasen eine Rolle“, erklärt Dr. Lindemann. In einem frühen Stadium kann der Patient durch eine Teilentfernung der Bauchspeicheldrüse geheilt werden. Eine solche Operation wird nur in spezialisierten Kliniken vorgenommen. Die Mediziner versuchen dabei, einen möglichst großen Teil der Bauchspeicheldrüse zu erhalten, damit die natürlich Produktion der Verdauungsenzyme gewährleistet bleibt. Dies ist allerdings nur möglich, wenn der Tumor frühzeitig entdeckt wird und auf die Bauchspeicheldrüse beschränkt ist. Bei etwa 80% der Patienten ist dies nicht mehr der Fall. Hat der Tumor bereits weiteres Gewebe befallen oder sogar Metastasen in Organen wie Lunge, Milz und Leber gebildet, kann meist nur eine Chemotherapie dessen weiteres Wachstum stoppen. Die dabei verabreichten Medikamente blockieren die Vermehrung der Tumorzellen und führen im günstigsten Fall zu einer Verkleinerung des Tumors.

 

Interview

Fragen an Dr. Werner Lindemann, Leiter des Pankreaskarzinomzentrums Lahr

Herr Dr. Lindemann, Bauchspeicheldrüsenkrebs gilt als besonders gefährlich. Warum?
Vereinfacht gesagt machen Tumore, die im Bauchraum Platz zum Wachsen haben, erst spät auf sich aufmerksam. Die Mehrheit der Betroffenen verliert Gewicht und klagt über Bauch- oder Rückenschmerzen, viele haben weniger Appetit, manche leiden an scheinbar unerklärlicher Übelkeit. Das sind alles unspezifische Symptome, wie sie auch bei einer Magen-Darm-Erkrankung auftreten. Wenn der Tumor im vorderen Teil der Bauchspeicheldrüse sitzt und den Gallengang blockiert, kann es zu Gelbsucht kommen. Ein Pankreaskarzinom tendiert zudem dazu, Metastasen zu bilden, die auf andere Organe übergreifen. Je früher der Krebs folglich entdeckt wird, desto erfolgreicher können wir ihn deshalb behandeln, im Idealfall durch eine Operation.

Was sind Ursachen für die Erkrankung?
Direkte Ursachen sind bis heute leider nicht bekannt. Fest steht aber, dass Alkohol und Nikotin das Risiko einer solchen Krebserkrankung erhöhen. Wachsam sollte man auch sein, wenn Bauchspeicheldrüsenkrebs schon im engen Familienkreis vorkam, da fünf bis zehn Prozent der Fälle erblich bedingt sind. Auch bei Patienten mit Diabetes oder chronischer Bauchspeicheldrüsenentzündung tritt der Krebs häufiger auf als bei Gesunden.

Gibt es Vorsorgeuntersuchungen für Risikogruppen?

Spezifische Vorsorgeuntersuchungen gibt es leider nicht. Bei den genannten Symptomen sollte man deshalb den Arzt gezielt um eine Untersuchung im Hinblick auf diese Erkrankung bitten. Diese Untersuchung geschieht mittels modernster medizinischer Verfahren: Per Bluttest kann auf Tumormarker untersucht werden, die in erhöhter Konzentration verdächtig sind. Per Ultraschall kann man innere Organe einfach und ohne Nebenwirkungen untersuchen. Bei der Endoskopie spiegelt man mit einem flexiblen Sichtrohr Magen, Zwölffingerdarm, Bauchspeicheldrüsen- und Gallengang. Die Computertomographie und die Magnetresonanztomographie fertigen Schnittbilder an, die den Körper und die Bauchspeicheldrüse Schicht für Schicht darstellen. Diese Verfahren geben auch Aufschluss über das Stadium einer eventuellen Erkrankung.

Patientenzeitschrift Heft 17

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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