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Blasenschwäche und Inkontinenz erfolgreich therapieren

Es ist eines der größten Tabu-Themen in unserer Gesellschaft: Inkontinenz. Etwa zehn Prozent der Deutschen leiden unter Blasenschwäche, ältere aber auch junge Menschen, Frauen ebenso wie Männer – doch darüber sprechen wollen die meisten Betroffenen nicht.

Bei Belastungsinkontinenz kann gezielte Beckenbodengymnastik helfen © Hetizia - Fotolia.com

Damit wir die Kontrolle über unsere Blase behalten, müssen das Gehirn, Rückenmark sowie die beteiligten Muskeln und Nerven intakt sein und perfekt zusammen arbeiten. Wird dieses sensible Zusammenspiel gestört, kann die Blase den Urin nicht wie gewünscht halten oder gibt ihn unkontrolliert ab. Jeder zehnte Deutsche erlebt das täglich, allein im Ortenaukreis sind es etwa 40.000 Menschen. Doch zum Arzt gehen? Das Leiden offen ansprechen? Das kommt für viele nicht in Frage. Zu peinlich, zu intim ist das Problem. Dabei gibt es Hilfe. „Niemand muss sich mit diesem Schicksal abfinden: Inkontinenz ist in den meisten Fällen heilbar“, sagt Dr. Reinhard Groh, Chefarzt Urologie und Kinderurologie am Ortenau Klinikum Offenburg-Ebertplatz. „Wichtig ist eine gründliche Untersuchung durch einen Urologen oder einen Gynäkologen, um Art und Ausprägung der Blasenschwäche genau festzustellen. So kann die anschließende Therapie individuell auf den Patienten abgestimmt werden.“ Die Möglichkeiten sind vielfältig, reichen vom Training der Beckenbodenmuskeln bis zur Operation.

 

Wenn schon Niesen zum Problem wird

Tatsächlich tritt Harninkontinenz in vielen verschiedenen Ausprägungen auf. Mediziner unterscheiden drei Formen: Die Belastungsinkontinenz wurde früher fälschlicherweise auch als Stressinkontinenz bezeichnet und meint den Urinverlust unter körperlicher Belastung, also immer dann, wenn sich der Druck im Bauchraum erhöht. Das kann zum Beispiel beim Heben schwerer Gegenstände der Fall sein, beim Husten, Niesen oder Lachen. Die Betroffenen spüren normalerweise keinen Harndrang, bevor der Urin ungewollt abgeht.

 

Dranginkontinenz

Bei der zweiten Form, der Dranginkontinenz, haben die Patienten plötzlich und bisweilen mehrmals pro Stunde das Gefühl, dringend auf die Toilette zu müssen – obwohl die Blase noch gar nicht voll ist. Schaffen es die Betroffenen nicht rechtzeitig aufs „stille Örtchen“, geht der Urin häufig schwallartig ab. Die dritte Form bezeichnen Mediziner als Mischinkontinenz. Sie vereint Symptome der Belastungs- mit denen der Dranginkontinenz. Manche Patienten haben beispielsweise das Gefühl, ihre Blase würde ständig tröpfeln (Überlaufinkontinenz). Bei Männern wird diese Blasenschwäche häufig durch eine vergrößerte Prostata oder eine Nervenschädigung ausgelöst. Andere Betroffene spüren gar nicht genau, wann ihre Blase tatsächlich voll ist. Deshalb fällt es ihnen schwer, die Entleerung zu steuern, und die Blase gibt den Urin in unregelmäßigen Abständen selbst ab (Reflexinkontinenz). Manche Patienten klagen auch darüber, ständig Urin zu verlieren (Extraurethrale Inkontinenz). Schuld daran können beispielsweise Fisteln, also unnatürliche Verbindungskanäle von der Blase in Scheide oder Darm, sein.

 

Warum Beckenbodentraining so wichtig ist

Ein wichtiger Faktor bei der Frage, wie gut oder schlecht sich die eigene Blase kontrollieren lässt, ist der Beckenboden. Dieser besteht aus Bindegewebe und Muskeln und begrenzt unser Becken nach unten. Die Beckenbodenmuskeln halten alle Organe  im Beckenbereich an der richtigen Position und unterstützen auch den Blasenschließmuskel. Je kräftiger sie sind, desto geringer ist die Gefahr einer Blasenschwäche. Doch der Beckenboden allein trägt nicht immer die Schuld: „Um herauszufinden, um welche Form der Inkontinenz es sich beim jeweiligen Patienten handelt, stehen uns vielfältige Diagnose-Methoden zur Verfügung“, sagt Dr. Groh. Häufig werden die Patienten gebeten, zunächst ein Trink- und Blasentagebuch zu führen. So kann sich der Arzt einen ersten Überblick verschaffen. Außerdem können Urin- und Ultraschall-Untersuchungen der Harnwege, urodynamische Untersuchungen mit einem speziellen Katheter oder eine Blasenspiegelung notwendig sein.  

 

Belastungsinkontinenz – ein Frauenleiden

„Frauen leiden besonders häufig unter einer Belastungsinkontinenz, da das weibliche Becken breiter und der Beckenboden schwächer ist als bei Männern“, erklärt Dr. Andreas Brandt, Chefarzt der Frauenklinik am Ortenau Klinikum Offenburg-Ebertplatz. „Außerdem stellen Schwangerschaft und Geburt extreme Belastungen für diesen sensiblen Bereich dar.“ Die Wechseljahre haben ebenfalls Einfluss auf den Beckenboden: Durch die hormonellen Veränderungen kann das Bindegewebe nachgeben. Folge:  Die Beckenbodenmuskeln arbeiten nicht mehr so koordiniert wie  zuvor. In manchen Fällen hilft hier bereits ein gezieltes Beckenbodentraining, das jedoch etwas Geduld und am besten tägliches Üben erfordert. Auch Medikamente, beispielsweise mit dem Wirkstoff Duloxetin oder  Anticholinergika, können Abhilfe schaffen.

 

Ein kleiner Eingriff mit großer Wirkung

Unter bestimmten Voraussetzungen sind auch operative Therapiemethoden sinnvoll. „Die Eingriffe können minimalinvasiv vorgenommen werden, teilweise sogar unter örtlicher Betäubung. Deshalb sind sie für die betroffenen Frauen in der Regel keine große Belastung“, so Dr. Brandt. Bei einer Belastungsinkontinenz hat sich inzwischen das TVT (Tension free Vaginal Tape)  bewährt. Der Arzt setzt bei der Operation lediglich ein Kunststoffband ein, das die Harnröhre stützt. Ein ähnlicher Effekt wird durch die Umspritzung der Harnröhre mit Kollagen oder Silikon erzielt.

 

Auch Männern kann eine OP helfen

Bei Männern hat sich diese Art der Operation bereits seit vielen Jahrzehnten insbesondere zur Therapie von Belastungsinkontinenz etabliert. Als künstlicher Schließmuskel fungiert eine Manschette, die mit Flüssigkeit gefüllt ist. Diese wird um die Harnröhre gelegt und verschließt sie durch Druck von außen. Dazu wird eine Pumpe im Hodensack eingesetzt die bei Bedarf, also wenn Urin abgelassen werden soll, Flüssigkeit aus der Manschette in einen Speicherballon pumpt. Ist der Schließmuskel nicht mehr vollständig intakt, können Schlingen eingesetzt werden, die den Harnröhren-Widerstand erhöhen. Je nachdem, wie stark dieser Widerstand sein muss, kann mit einem minimalinvasiven Eingriff nachjustiert werden.

 

Doch egal, welche Therapiemethode am Ende zum Erfolg führt: „Wer sich traut, das Problem anzusprechen und gemeinsam mit einem Arzt anzupacken, der gewinnt viel Lebensqualität zurück“, betonen beide Ärzte.

 

 

Patientenzeitschrift Heft 15

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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