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Zivilisationskrankheit Handydaumen – Chefarzt warnt vor einseitigem Tippen auf dem Smartphone

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Der Handy- oder Smartphone-Wahn kann chronische Entzündungen verursachen. Die Zivilisationskrankheit, die als „SMS-Daumen“ bekannt wurde, hört sich lustig an – kann aber sehr schmerzhaft sein! Was hilft und wie man es vermeiden kann, erklärt PD Dr. Reinhard Meier, Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Handchirurgie und Wiederherstellende Chirurgie am Ortenau Klinikum.

Beim Schreiben, Schieben, Spielen, Wischen, Schießen von E-Mails, Fotos, Spielen, Apps und Co. ist unser Daumen im Dauerstress und führt häufige und schnelle Bewegungen aus, die er nicht gewohnt ist. Wer es mit dem Schreiben etc. übertreibt, verspürt oftmals zunächst einen dumpfen Schmerz beim Tippen und den anderen sich immer wiederholenden Bewegungen, bei denen meist nur der Daumen beansprucht wird. Nimmt man die Warnsignale nicht ernst, kann der Daumen später auch in anderen Situationen schmerzen: Nicht selten werden Knöpfe und Reißverschlüsse zur Geduldsprobe. „Verschwinden die Beschwerden nicht nach wenigen Tagen, sollten die Betroffenen einen Arzt aufsuchen. Normalerweise dauert eine akute Sehnenscheidenentzündung nur einige Tage. Wird sie jedoch chronisch, können die Schmerzen über Monate anhalten“, so Dr. Meier.

 

Wenn der Daumen schlapp macht

Wie weit die Sehnenentzündung am Daumen fortgeschritten ist, erkennt der Arzt z.B. durch den sogenannten Finkelstein-Test:  Dabei wird der Daumen in die Faust geschlossen, das Handgelenk wird dann ruckartig zur Kleinfingerseite abgewinkelt. Bei fortgeschritten Entzündungen lässt sich am Daumen ein Knirschen über dem Sehnenfach ertasten. Beobachtet der Arzt ein leichtes Knirschen über dem Sehnenfach, ist der Daumen entzündet. Dann können stabilisierende Bandagen oder Stützverbände helfen, den betroffenen Bereich ruhig zu halten. Außerdem sollten Patienten das Tippen auf dem Handy zunächst vermeiden.

Bei chronischen Sehnenscheidenentzündungen kommt manchmal nur eine Operation in Betracht. „Dabei wird das aus Bindegewebe bestehende Sehnenfach mit einem etwa 1 cm langen Hautschnitt über dem Sehnenfach gespalten. Der Eingriff wird ambulant unter regionaler Betäubung durchgeführt. Nach der Operation kann und soll die Hand sofort frei bewegt werden, eine Schiene ist nicht erforderlich“, so Dr. Meier.

 

Den Daumen entlasten

Es lohnt sich in jedem Fall, strapazierte, von der Arbeit mit dem Handy angestrengte Daumengelenke zu schonen. Sind die Belastungen unumgänglich, helfen kurze Lockerungs- oder Dehnübungen zwischendurch. Zur Vorbeugung einer Sehnenscheidenentzündung des Daumens empfiehlt Dr. Meier, erste Warnzeichen ernst zu nehmen und bei auftretenden Schmerzen das Tippen zu reduzieren. „Auch eine Entlastung durch das Verwenden mehrerer Finger ist sinnvoll“, so Dr. Meier.

 

 

Interview mit PD Dr. Reinhard Meier

Chefarzt der Klinik für Unfallchirurgie, Handchirurgie und Wiederherstellende Chirurgie am Ortenau Klinikum

 

Was behandeln Sie häufiger: akute Unfälle oder chronische Beschwerden der Hände?

Dr. Meier: Bei frischen Verletzungen, Brüchen oder gar abgetrennten Fingern und Gliedmaßen, wenden sich unsere Patienten aus der Ortenau in Baden-Württemberg meist direkt an unsere 24h besetzte Notaufnahme oder sie werden über die Rettungsdienste auch überregional gebracht. Über unsere geplanten Sprechstunden  behandeln wir das komplette Handchirurgische Spektrum von der einfachen Sehnenentzündung oder Nerveneinengungen, über die Rekonstruktion angeborener Fehlbildungen bis zu komplexen Wiederherstellungen der Handfunktion nach Verletzungen oder bei chronischen ,bereits länger bestehende Erkrankungen der Hände.

 

Was sind chronische Erkrankungen der Hände?

Dr. Meier: Häufig leiden Patienten unter Arthrosen, Nervenengpässen und Sehnenentzündungen. Der SMS-Daumen ist ein Beispiel für eine Sehnenentzündung.

 

Warum kommen Sehnenscheidenentzündungen im Daumen immer häufiger vor?

Dr. Meier: Es gibt Krankheiten, die sind so alt wie die Menschheit selbst. Und es gibt Leiden, die wir unserer heutigen Lebensweise verdanken. Auf die Belastungen, die beispielsweise aus dem Tippen auf Tastaturen und Handys resultieren, ist unser Körper schlichtweg nicht vorbereitet gewesen.

 

Wie kommt es zu Arthrosen in den Händen und welche Beschwerden machen sie?

Dr. Meier: Frauen leiden deutlich öfter unter einer Arthrose an den Händen als Männer. Von 100.000 Frauen erkranken jährlich schätzungsweise 200 an einer Handarthrose, von 100.000 Männern nur etwa 30. Mögliche Ursachen sind Verletzungen, ständige Computerarbeit oder einseitige, mechanische Überlastung durch Schreiben oder Hausarbeit. Häufig ist jedoch keine direkte Ursache ergründbar. Die Beschwerden äußern sich in zunehmendem Bewegungsschmerz.

 

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Arthrosen im Handgelenk?

Dr. Meier: Zunächst nutzt man in der Regel nichtoperative Möglichkeiten, wie unterstützende Schienenbehandlung, entlastende Übungen und ggf. Medikamente. Reichen diese Maßnahmen nicht aus behandeln wir Patienten mit fortgeschrittener, schmerzhafter Fingergelenksarthrose operativ, wobei wir individuell mit dem Patienten abstimmen ob wir schmerzleitende Nerven durchtrennen, das Gelenk ersetzen oder versteifen. Dies führt in der Regel zur Schmerzfreiheit. Die Daumensattelgelenksarthrose behandeln wir durch Entfernen der arthrotischen Gelenkpartner und Stabilisierung über körpereigene Sehnen. Das Handgelenk ist komplex aufgebaut, daher erfordern die Operationen ein Höchstmaß an Präzision und manuellem Geschick. Auch hier stehen differenzierte s.g. Rettungsoperationen zur Verfügung, die über gezielte Operationen an den schmerzleitenden Nerven, Teilversteifungen oder Entfernen einzelner Handwurzelknochen eine Schmerzfreiheit bei weitgehendem Erhalt der Funktion und Kraft erlauben.

 

Worauf sollen Patienten nach einem handchirurgischen Eingriff achten?

Dr. Meier: Anfangs ist das Kühlen und Hochlagern, sowie eine frühzeitige kontrollierte Bewegung der Hand sehr zu empfehlen. Eine Nachbehandlung mit viel Feingefühl und großer Sorgfalt ist erforderlich.

 

Wie lange dauern handchirurgische Eingriffe im Durchschnitt?

Dr. Meier: Die meisten Eingriffe dauern nur zwischen 20 und 45 Minuten. Eine Teilnarkose der Hand oder des Arms ist ausreichend. Kleinere Eingriffe werden auch in örtlicher Betäubung durchgeführt. Komplexe Eingriffe und Replantationen können auch mehrere Stunden in Anspruch nehmen.

Patientenzeitschrift

Patientenzeitschrift Heft 11

Die Ortenau Gesundheitswelt informiert Patienten und Besucher des Ortenau Klinikums halbjährlich über wichtige Gesundheitsthemen wie Prävention, Erkrankungen und Therapiemöglichkeiten.


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